Das letzte Abendmahl
Albrecht Dürer
1523
In den 1520er-Jahren wandte sich Dürer erneut dem Thema der Passion Christi zu. Davon zeugen mehrere Federzeichnungen, die in einem Zeitraum von etwa vier Jahren entstanden und durch ein ähnliches Format miteinander verbunden sind. Das Querformat ermöglicht eine Verteilung der Akteure in einem größeren Bildraum und erlaubt dem Künstler, das Bildgeschehen wie auf einer Bühne auszubreiten. Das Konzept dürfte ein unmittelbarer Reflex der Kunst sein, die Dürer während seiner Reise in die Niederlande sah, war doch das Querformat die bevorzugte Bildform etwa Lucas van Leydens.
Die Forschung geht bislang mehrheitlich davon aus, dass Dürer diese Blätter im Hinblick auf eine Umsetzung in der Druckgrafik erarbeitete und einen weiteren Holzschnitt- oder Kupferstichzyklus zur Passion plante. Die ähnlich konzipierte Anbetung der Könige (Inv. 4837) legt den Schluss nahe, Dürer habe auch eine Kindheit-Jesu-Serie geplant. Die über viele Jahre andauernde Arbeit an einem druckgrafischen Zyklus war für Dürer zwar nicht ungewöhnlich. Die Zeichnungen jedoch, die teilweise die gleichen Themen auf unterschiedliche Weise umsetzen, weisen eher auf ein Experimentieren mit unterschiedlichen Kompositionsmöglichkeiten und die Produktion von Motiven für den Werkstattvorrat hin.
Dürer once again turned to the theme of the Passion of Christ in the 1520s. The results of this occupation are evident in a group of pen and ink drawings made over a period of about four years that are related to each other through their similar format. These landscape format works enable a distribution of the protagonists across a larger pictorial space and permit the artist to spread out the depiction of the events as if on a stage. This concept can be seen as a direct response to artworks Dürer saw during his travels through the Netherlands, for example by Lucas van Leyden, who favored the horizontal format.
Scholarship has for the most part assumed that Dürer produced these works with a view to making a new cycle of Passion scenes, either as woodcuts or engravings. The similarly conceived Adoration of the Magi (Inv. 4837) suggests that Dürer was also planning a series devoted to the Childhood of Christ. It was not unusual for Dürer to spend years working on a cycle of prints. However, the drawings featuring different solutions to the same scene rather speak for experiments with various compositional possibilities and the production of motifs for his stock of workshop models.
Der Zusammenhang zwischen der Zeichnung und den durch sie vorbereiteten Holzschnitt (Bartsch 7, 53) steht trotz der andersartigen Umsetzung unzweifelhaft fest. Beide Blätter sind mit 1523 datiert und zeigen einen queroblongen, nüchtern ausgestatteten Kastenraum, in dem um eine bildparallel gegebene Tafel Jesus und seine Jünger zum letzten Abendmahl versammelt sind. Vor allem in der Figurenanordnung wurden zwischen Vorbereitung und Ausführung maßgebliche Veränderungen vorgenommen. Jesus, der in seinen Armen eingeschlafene Johannes und Petrus rücken vom linken Ende der Tafel auf der Zeichnung in das Zentrum des Holzschnittes; die Bedeutung der Gruppe wird zusätzlich durch einen darüber liegenden Okulus, am unteren Rand durch einen blank geputzten Teller sowie durch eine Falte des Tischtuches in der Mitte der Tafel, die übrigens bereits auf der Zeichnung berücksichtigt wurde, unterstrichen. Judas ist auf der Zeichnung ganz rechts im Vordergrund durch einen Geldbeutel am Gürtel eindeutig identifizierbar, fehlt allerdings auf dem Holzschnitt, wodurch auch die emotionale Gestik der Jünger, die den bevorstehenden Verrat erregt kommentieren, auf dem Holzschnitt wegfällt. In Mimik und Körperhaltung der Apostel spiegeln sich jetzt Ergriffenheit und Betroffenheit angesichts des Abschieds Jesu wider, und die ganze Aufmerksamkeit konzentriert sich auf den in der Mitte sitzenden Heiland.
Der Holzschnitt ist anscheinend das einzige ausgeführte Blatt einer Serie von Zeichnungen im Querformat, die vermutlich eine Passionsserie vorbereiten sollte. Indem sich Zeichnung und Holzschnitt im Akzidentiellen auf das absolut Notwendige, nämlich Weinkanne, Brotlaib und insbesondere den Kelch als Zeichen der Eucharistie, beschränken, hat man sie immer wieder gerne im Zusammenhang mit Dürers Interesse an den theologischen Diskussionen der Reformation gesehen. Die isolierte Stellung des Kelches als Symbol der Forderung nach dem Laienkelch und das Fehlen des Lammes auf dem großen Teller als Ablehnung des Abendmahls als Opfermahl rücken den Holzschnitt nach Meinung vieler Autoren in die Nähe reformatorischen Gedankenguts. Tatsächlich entstanden Zeichnung und Holzschnitt zu einem Zeitpunkt, als in Nürnberg die Pröpste der beiden Pfarrkirchen an den Rat die Forderung richteten, das Abendmahl "sub utraque forma", in beiderlei Gestalt, feiern zu dürfen. Andere Autoren bezweifeln wiederum, dass im Holzschnitt eine parteiliche Stellungnahme in der Auseinandersetzung zwischen #Martin Luther und #Andreas Bodenstein von Karlstadt zum Ausdruck kommt. Die Gestalt der Eucharistie war in diesen Jahren nicht nur Gegenstand eines katholisch-protestantischen Streites, sondern schürte auch einen Zwist innerhalb der evangelischen Kirche, wobei Karlstadt am Vorabend des Bildersturmes die Forderung nach Entfernung von Bildwerken in Kirchen und anderen Gotteshäusern erhob. Zweifellos war Dürer mit diesen theologischen Fragen aufs Engste vertraut, ja nahm sogar an vom Nürnberger Rat einberufenen Religionsgesprächen teil. Dass die Zeichnung und der darauf beruhende Holzschnitt den in diesen Jahren herrschenden Zeitgeist in Nürnberg widerspiegeln, ist wohl kaum zu leugnen.
Albrecht Dürer, Ausstellungskatalog, hg. von K. A. Schröder und M. L. Sternath, Albertina, Wien 2003, Abb. 183, S. 518.
