Anonym, Das Ring- und Fechtbuch (fol. 40r: Ringkämpfe), Inv. Nr.: 26232/40
Das Ring- und Fechtbuch (fol. 40r: Ringkämpfe)
Anonym, Das Ring- und Fechtbuch (fol. 40r: Ringkämpfe), Inv. Nr.: 26232/40
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Das Ring- und Fechtbuch (fol. 40r: Ringkämpfe)

Anonym

1512 (?)




Ring- und Fechtbücher machen durch Text und Bild unterschiedliche Wurf-, Griff-, und Hiebtechniken anschaulich. Das Exemplar der Albertina zeigt aquarellierte Zeichnungen von Ringkämpfen sowie vom Fechten mit Schwert, Dolch und langem Messer. Die Schwert- und Messerkämpfe sind ohne Text, die Ringkampfstellungen aber mit Erklärungen versehen, deren Handschrift derjenigen Dürers gleicht. Das Titelblatt nennt Albrecht Dürer und die Jahreszahl 1512, das Jahr, in dem vermutlich Dürers mannigfaltige Tätigkeit für Maximilian begann. Ein Teil der lebendigen Zeichnungen wird bis heute Albrecht Dürer zugeschrieben.


Künstler:in
Zugeschrieben an (Nürnberg 1471 - 1528 Nürnberg)
Date1512 (?)
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesFeder in Schwarz, aquarelliert
Dimensions31 x 22 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number26232/40
WatermarkOchsenkopf mit Kreuz und Schlange (Briquet 15366-15381)
Text

Ring-und Fechtbücher sind frühneuhochdeutsche Handschriften, deren Texte und Nahkampfdarstellungen Wurf-, Griff-, und Hiebtech­niken vorbildhafter Fechtmeister verständlich und anschaulich machten. Sie gehörten zu den niederen Hofkünsten – den artes mechanicae – und durften in Bibliotheken standesbewusster Adeliger nicht fehlen. Im Spätmittelalter fanden Ring-und Fechtbücher auch Eingang in die Haushalte humanistisch gebildeter Bürger.

Die Albertina besitzt ein Ring-und Fechtbuch, das aquarel­lierte Ringkampfzeichnungen und Fechtdarstellungen mit dem Schwert, mit dem Dolch und mit dem langen Messer kompiliert. Die Darstellungen der Ringkämpfe sind Kopien von Illustrationen einer um 1470 entstandenen Handschrift in der Universitätsbibliothek Augsburg (Bibliothek Oettingen-Wallerstein, Cod. I.6.4° 2). Die Ring­kampfstellungen des Albertina-Manuskripts werden mit Beischriften erklärt, deren Handschrift Dörnhöffer (1907/09) mit Dürer verband. Es lag nahe, auch die Zuschreibung der betreffenden Zeichnungen mit Dürer zu verknüpfen. Die Schwert- und Messerkämpfe sind ohne Text; darüber hinaus beinhaltet das Ring-und Fechtbuch Abschriften von Kampflehren früherer Fechtmeister, die nicht illustriert wurden. In den Textauszügen aus Hans Lecküchners Kunst des Messerfechtens und aus Johannes Liechtenauers Traktat zur Kunst des langen Schwertes wurden die Handschrift von Dürers Freund Willibald Pirckheimer und die eines unbekannten Schreibers erkannt.
Der Einband des Buches ist aus Leder und mit schlichtem Dekor versehen; vorderer und hinterer Buchdeckel sowie das Titelblatt nen­nen mit lateinischen Lettern Albrecht Dürer und die Jahreszahl 1512 (in diesem Jahr begann Dürers mannigfaltige Tätigkeit für Kaiser Maxi­milian I.). Zwischen Vorsatz und Titelblatt wurden zu einem späteren Zeitpunkt Gedichte von Johannes Vivianus und von T. B. Du Claux-Gardy eingeheftet, die den Schöpfer der Handschrift preisen. Die über­ragende Qualität der Zeichnungen der Albertina-Handschrift hat zu einer größeren Beachtung und Anerkennung von Ring-und Fechtbü­chern im Rahmen von Fachprosaschriften beigetragen. Die Figuren sind im Vergleich zu früheren Handschriften viel naturalistischer gegeben; sie sind lebendiger gezeichnet, ihre teilweise komplizierten Stellungen, Bewegungen und Verrenkungen sind glaubwürdig und nachvollziehbar dargestellt, und das räumliche Zueinander innerhalb der Zweiergruppen ist überzeugend gelöst.

Der Forschungsstand hat sich seit Friedrich Dörnhöffers erster Analyse nicht wesentlich geändert. Das Manuskript wird in Teilen heute noch immer Albrecht Dürer zugeschrieben und als Auftragswerk Kaiser Maximilians I. angesehen (Ausst.-Kat. Wien Albertina 1971 und 2003). Trotzdem stellten sich Zweifel hinsichtlich Dürers Verantwort­lichkeit für diese Handschrift ein (Flechsig 1928; Kat. Wien Albertina 1933, Nr. 163). Die Zeichnungen sind stilistisch zu heterogen, um sie alle nur einem Schöpfer und vor allem zweifelsfrei Albrecht Dürer zuzu­schreiben; sie lassen sich z. B. stilistisch nicht mit zwei Zeichnungen mit Schwertkampfstellungen von Dürer in London (The British Mu­seum, Inv. 5229/67v, 5229/68r und 69r) zusammenbringen. Auch sonst verdiente die Handschrift eine erneute Analyse, die zu neuen Erkennt­nissen führen müsste: So gibt es Fehler bei den Text-Bild-Relationen der Ringkämpfe (vgl. Welle 1992), einzelne Blätter sind stark beschnit­ten, Blattverluste und Wasserzeichen einzelner Blätter weisen auf eine Kompilation im späten 16. Jahrhundert hin, und die Provenienz der Handschrift lässt sich lediglich in das frühe 19. Jahrhundert zurückver­folgen, als man, von Geniekult und dem Geist der deutschnationalen Turnerbewegung ergriffen, ein als »verschollen« geglaubtes Dürer-Werk recht unkritisch als authentisch anerkennen wollte. All dies lässt eine so sicher scheinende Zuschreibung der Albertina-Handschrift an Albrecht Dürer und ihre Verbindung zu Kaiser Maximilian I. bezweifeln, was ein in Planung befindliches, interdisziplinär angelegtes Forschungsprojekt klären soll.

Hrsg. Eva Michel und Maria Luise Sternath, Kaiser Maximilian I. und die Kunst der Dürerzeit, Wien 2012, Abb. 103, S. 338.

Catalogue raisonné
  • Tietze/Tietze-Conrat 1933, 163
  • Koschatzky/Strobl 1971, 294.84
  • Strauss V.2665-2701
  • Bibliography
  • Albrecht Dürers Kampfbuch, aufgefunden durch Professor W. Weintridt, in: Anzeige=Blatt für Wissenschaft und Kunst, 1823, Nr. XXIII, S. 42–45
  • Friedrich Dörnhöffer, Albrecht Dürers Fechtbuch, in: Jahrbuch der kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses, Bd. 27, 1907/1909, S. I–LXXXI, mit Taf. 1–70 (URL: http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/jbksak1907_1909/0306?sid=a424da23f8ef6e7785a009438e419a85)
  • AK Albertina 1971, Nr. 84
  • AK Nürnberg 1971, Nr. 659
  • Rainer Welle, »und wisse das alle höbischeit kompt von deme ringen«. Der Ringkampf als adelige Kunst im 15. und 16. Jahrhundert, Pfaffenweiler 1993
  • AK Albertina 2003, Nr. 151 (M. F. Müller)
  • Heidemarie Bodemer, Das Fechtbuch. Untersuchungen zur Entwicklungsgeschichte der bildkünstlerischen Darstellung der Fechtkunst in den Fechtbüchern des mediterranen und westeuropäischen Raumes vom Mittelalter bis Ende des 18. Jahrhunderts, Diss. Universität Stuttgart, Stuttgart 2008, S. 161–170 (URL: http://elib.uni-stuttgart.de/opus/volltexte/2008/3604/pdf/Fechtbuch.pdf)
  • Rainer Leng, Katalog der deutschsprachigen illustrierten Handschriften des Mittelalters: Fecht- und Ringbücher (=Katalog der deutschsprachigen illustrierten Handschriften des Mittelalters, Bd. 4, Teile 1–2, München 2008, S. 131–134, Nr. 38.9.11
  • AK Albertina 2012, Nr. 103 (H. Widauer)
  • Welle 1992
  • Ausst.-Kat. Wien Albertina 2003, Nr. 151 (Mathias F. Müller)
  • Leng 2008
  • Ausst.-Kat. Albertina 2012, Nr. 103 (H. Widauer)
  • Rainer Welle, … vnd mit der rechten faust ein mordstuck – Baumanns Fecht- und Ringkampfhandschrift Edition und Kommentierung der anonymen Fecht- und Ringkampfhandschrift Cod. I.6.4° 2 der UB Augsburg aus den Beständen der ehemaligen Öttingen-Wallersteinschen Bibliothek, 2 Bde., München 2014
  • Provenance
  • Wohl aus der Kunstkammer Rudolfs II. (Kunstkammerinventar, 1607–1611, Nr. 2687: „A. D. fechtbuch, darin allerley fechtbossen, die penna con aquarelle.“
  • Bücherverzeichnis 1619, Nr. 28: „Fechtbuch in kurzen tolchen, in rot leder.“)
  • 1631 nach Wien transportiert (Transportverzeichnis 1631, Nr. 24: „Mehr ein buch von rotten leder, darinnen allerlei gerißene prügelspossen“)
  • nach 1631 wohl als Geschenk (?) Kaiser Ferdinands II. an seinen Kammerdiener Sebastian Cressel, Freifechter von Vilseck
  • 1657 Jacob Stahl (Besitzvermerk auf der Innenseite des Vorderdeckels)
  • Steiermark, Privatbesitz
  • 1823 Vincenz Weintridt, Dechant zu Retz
  • 1833 Kaiserliche Sammlung (Fideikomissbibliothek)
  • 1920 Albertina
  • Online resources
    IIIF Logo IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/40721/das-ring-und-fechtbuch-fol-40r-ringkampfeImage Request
    Last edited27.07.2021

    There are no works to discover for this record.