Das Ring- und Fechtbuch (fol. 40r: Ringkämpfe)
Anonym
1512 (?)
Ring-und Fechtbücher sind frühneuhochdeutsche Handschriften, deren Texte und Nahkampfdarstellungen Wurf-, Griff-, und Hiebtechniken vorbildhafter Fechtmeister verständlich und anschaulich machten. Sie gehörten zu den niederen Hofkünsten – den artes mechanicae – und durften in Bibliotheken standesbewusster Adeliger nicht fehlen. Im Spätmittelalter fanden Ring-und Fechtbücher auch Eingang in die Haushalte humanistisch gebildeter Bürger.
Die Albertina besitzt ein Ring-und Fechtbuch, das aquarellierte Ringkampfzeichnungen und Fechtdarstellungen mit dem Schwert, mit dem Dolch und mit dem langen Messer kompiliert. Die Darstellungen der Ringkämpfe sind Kopien von Illustrationen einer um 1470 entstandenen Handschrift in der Universitätsbibliothek Augsburg (Bibliothek Oettingen-Wallerstein, Cod. I.6.4° 2). Die Ringkampfstellungen des Albertina-Manuskripts werden mit Beischriften erklärt, deren Handschrift Dörnhöffer (1907/09) mit Dürer verband. Es lag nahe, auch die Zuschreibung der betreffenden Zeichnungen mit Dürer zu verknüpfen. Die Schwert- und Messerkämpfe sind ohne Text; darüber hinaus beinhaltet das Ring-und Fechtbuch Abschriften von Kampflehren früherer Fechtmeister, die nicht illustriert wurden. In den Textauszügen aus Hans Lecküchners Kunst des Messerfechtens und aus Johannes Liechtenauers Traktat zur Kunst des langen Schwertes wurden die Handschrift von Dürers Freund Willibald Pirckheimer und die eines unbekannten Schreibers erkannt.
Der Einband des Buches ist aus Leder und mit schlichtem Dekor versehen; vorderer und hinterer Buchdeckel sowie das Titelblatt nennen mit lateinischen Lettern Albrecht Dürer und die Jahreszahl 1512 (in diesem Jahr begann Dürers mannigfaltige Tätigkeit für Kaiser Maximilian I.). Zwischen Vorsatz und Titelblatt wurden zu einem späteren Zeitpunkt Gedichte von Johannes Vivianus und von T. B. Du Claux-Gardy eingeheftet, die den Schöpfer der Handschrift preisen. Die überragende Qualität der Zeichnungen der Albertina-Handschrift hat zu einer größeren Beachtung und Anerkennung von Ring-und Fechtbüchern im Rahmen von Fachprosaschriften beigetragen. Die Figuren sind im Vergleich zu früheren Handschriften viel naturalistischer gegeben; sie sind lebendiger gezeichnet, ihre teilweise komplizierten Stellungen, Bewegungen und Verrenkungen sind glaubwürdig und nachvollziehbar dargestellt, und das räumliche Zueinander innerhalb der Zweiergruppen ist überzeugend gelöst.
Der Forschungsstand hat sich seit Friedrich Dörnhöffers erster Analyse nicht wesentlich geändert. Das Manuskript wird in Teilen heute noch immer Albrecht Dürer zugeschrieben und als Auftragswerk Kaiser Maximilians I. angesehen (Ausst.-Kat. Wien Albertina 1971 und 2003). Trotzdem stellten sich Zweifel hinsichtlich Dürers Verantwortlichkeit für diese Handschrift ein (Flechsig 1928; Kat. Wien Albertina 1933, Nr. 163). Die Zeichnungen sind stilistisch zu heterogen, um sie alle nur einem Schöpfer und vor allem zweifelsfrei Albrecht Dürer zuzuschreiben; sie lassen sich z. B. stilistisch nicht mit zwei Zeichnungen mit Schwertkampfstellungen von Dürer in London (The British Museum, Inv. 5229/67v, 5229/68r und 69r) zusammenbringen. Auch sonst verdiente die Handschrift eine erneute Analyse, die zu neuen Erkenntnissen führen müsste: So gibt es Fehler bei den Text-Bild-Relationen der Ringkämpfe (vgl. Welle 1992), einzelne Blätter sind stark beschnitten, Blattverluste und Wasserzeichen einzelner Blätter weisen auf eine Kompilation im späten 16. Jahrhundert hin, und die Provenienz der Handschrift lässt sich lediglich in das frühe 19. Jahrhundert zurückverfolgen, als man, von Geniekult und dem Geist der deutschnationalen Turnerbewegung ergriffen, ein als »verschollen« geglaubtes Dürer-Werk recht unkritisch als authentisch anerkennen wollte. All dies lässt eine so sicher scheinende Zuschreibung der Albertina-Handschrift an Albrecht Dürer und ihre Verbindung zu Kaiser Maximilian I. bezweifeln, was ein in Planung befindliches, interdisziplinär angelegtes Forschungsprojekt klären soll.
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