Verleumdung des Apelles (Studie für ein Wandbild im Nürnberger Rathaus)
Albrecht Dürer
1522
Nach seiner Rückkehr aus den Niederlanden beschäftigte sich Dürer in städtischem Auftrag mit der Ausmalung des Großen Saals des Nürnberger Rathauses. Innerhalb weniger Monate entstanden die von ihm entworfenen Wandmalereien, deren Ausführung er überwachte. Von der im Zweiten Weltkrieg vollständig zerstörten Bemalung zeugt heute eine Reinzeichnung der Verleumdung des Apelles, die Dürer für die Nordwand des Rathaussaals konzipiert hatte. Bei der Darstellung handelt es sich um die Rekonstruktion eines Bildes des antiken Malers Apelles, das nur durch literarische Überlieferungen, etwa durch Lukian, bekannt ist. Rechts auf dem Thron sitzt ein Richter, der durch die Eselsohren als Dummkopf charakterisiert wird. Flankiert wird er von den Personifikationen der Unwissenheit und des Argwohns. Ihnen tritt die Verleumdung entgegen, die in der linken Hand eine Fackel trägt und mit der rechten einen Unschuldigen am Schopf packt. Ihr folgen der Neid, die Hinterlist und der Betrug. Dürer hat Lukians Beschreibung durch die Figuren des Irrtums, der Eile und der Strafe ergänzt. Den Abschluss des Zuges bilden die Buße und die Wahrheit. Mit dem Motiv des antiken Exempels für Missgunst und Verleumdung folgte Dürer der traditionellen Dekoration von Rathaussälen, die auch als Gerichtsstätten genutzt wurden.
After returning home from the Netherlands, Dürer was occupied with a major municipal commission: the decoration of the Great Hall in Nuremberg’s City Hall with paintings. The painting of the murals he had designed took only a few months and was supervised by him. A fine-drawing of the Calumny of Apelles, which shows the scene Dürer conceived for the north wall, provides evidence of the painting that was completely destroyed in World War II. The depiction is a reconstruction of a lost painting by the classical artist Apelles, which has survived solely in literary descriptions, for example by Lucian. The judge sitting on the throne at the right is depicted with donkey ears, which exposes him as a fool. He is accompanied by the personifications of Ignorance and Suspicion. They are confronted by Slander, which holds a torch in the left hand and grabs an innocent person by the forelock with the right. Envy, Deception, and Fraud follow. Dürer added the figures of Error, Haste, and Punishment to Lucian’s description. Penitence and Truth complete the procession. In choosing the classical example of malevolence and slander as his motif, Dürer followed the traditional decoration for such municipal locations that were also used for court hearings.
Apelles (etwa 370 bis 300 vor Christus) galt als der größte Maler des griechischen Altertums. Ihm nachzueifern, ja ihn zu übertreffen, war früh Dürers Bestreben. Humanistisches Lob sicherte den Anspruch ab. Bereits vor 1500 rühmte #Conrad Celtis den noch nicht 30-Jährigen als "neuen Apelles". 1507 bezeichnete #Christoph Scheurl in einem Brief an #Caritas Pirckheimer den gemeinsamen Freund als "nostro altero Appelle". #Ulrich von Hutten verkürzte den Topos dann zu "Apelles Albertus Durrer". Nach Dürer schmückten sich auch andere zeitgenössische deutsche Maler, etwa #Hans Baldung Grien und #Hans Holbein der Jüngere, mit diesem Titel. Kein Gemälde des Apelles überdauerte die Zeiten. Umso wichtiger wurden im Humanismus Texte antiker Autoren, die seine Kompositionen beschrieben. Eine dieser Schilderungen handelte von der verlorenen "Calumnia" (Verleumdung) des Apelles. Am ausführlichsten erzählte #Lukian die Komposition nach. Vor allem italienische Künstler des Quattrocento versuchten sich vor Dürer an Nachschöpfungen dieser vielfigurigen Szene. #Leon Battista Alberti hatte in seinem Traktat "De Pictura", von dem Dürer eine Abschrift besaß, die "Verleumdung des Apelles" als Beispiel kunstvoller Erfindung ("inventio") angeführt. Der Lukian-Spezialist #Pirckheimer und Dürer überzeugten den Nürnberger Rat, dass im Westteil des Nürnberger Rathaussaales, traditionell Stätte des Gerichts, eine Szene der Verleumdung sinnreich wäre. Diese wurde 1521 von Hilfskräften nach Dürers Entwurf und unter seiner Anleitung als friesartige Komposition auf der Nordwand ausgeführt. Mehrfach übermalt, ging das Wandbild im Zweiten Weltkrieg endgültig zugrunde.
Die von Dürer nacherzählte Handlung beginnt rechts mit einem Richter auf dem Thron. Eselsohren in der Art des Königs Midas kennzeichnen ihn als Dummkopf. Neben ihm stehen als falsche Ratgeberinnen Personifikationen von Unwissenheit ("ignorantia") und Argwohn ("suspicio"). Die Verleumdung ("calumnia"), im Eilschritt und mit einer brennenden Fackel in der Linken, zerrt einen Unschuldigen ("insons") am Schopf vor den Richter. Er kniet vor dessen Richterstuhl und fleht mit erhobenen Händen um einen Freispruch. Hinter Calumnia stehen ein "bleicher Mann von lasterhafter Erscheinung", den Neid ("invidia") verkörpernd, Hinterlist ("insidiae") und Betrug ("fraus") begleiten ihn. Die folgende Dreiergruppe fehlt bei Lukian. Sie ist, in Anspielungen auf Bauernunruhen, ein zeitaktueller Einschub Dürers. Ein Bauer tritt auf, als Irrtum ("error") gekennzeichnet. Seine ungeduldige Begleiterin Eile ("accelleratio") hilft ihm, Forderungen gegenüber der Obrigkeit vorzubringen. Da diese in den Augen des Rates (und Dürers?) ungerechtfertigt erscheinen, tritt die Strafe ("poena") mit blankem Richtschwert in Aktion. Die Buße ("poenitentia") als vorletzte Figur, in zerlumptem Trauergewand, wendet sich rückwärts zur allegorischen Frauengestalt der Wahrheit ("veritas"). Die unten abgeschnittene Textzeile der Zeichnung könnte gelautet haben: "Nemo unquam sententiam ferat priusquam cuncta ad amussim perpenderit" (Niemand sollte ein Urteil fällen, bevor er den Sachverhalt genau geprüft hat). Die Wiener Zeichnung ist kein Entwurf für das Wandbild. Sie entstand als nochmalige Reinzeichnung der Figurengruppen, um mit Hilfe Pirckheimers endgültig die Beschriftungen festlegen zu können. Diese wurden von spezialisierten Schreibmeistern, unter Zuhilfenahme von Schablonen, möglicherweise in Goldschrift, wohl 1522 auf das fertige Wandgemälde aufgetragen.
Albrecht Dürer, Ausstellungskatalog, hg. von K. A. Schröder und M. L. Sternath, Albertina, Wien 2003, Abb. 182, S. 515-517.
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