Bildnis einer Frau
Wolfgang Huber
um 1522/23
Blatt: 26,8 x 22,9 cm
Neben einer Reihe von Ausdrucksstudien schuf der sonst vor allem für seine Landschaftszeichnungen bekannte Wolf Huber auch einige großformatige Porträtzeichnungen in farbigen Kreiden. Das Frauenbildnis wurde 1932 von Joseph Meder erstmals als Werk Hubers publiziert. Tietzes (1933) glaubten darin die Arbeit eines norddeutschen Künstlers um 1525 in der Nachfolge #Lucas Cranachs zu erkennen, doch setzte sich die Zuschreibung an Huber in der gesamten nachfolgenden Forschung durch. Die Provenienz des Blattes aus der Sammlung von Graf Salm bestärkt seine stilkritische Zuordnung, da Huber mit der Familie Salm in engem Kontakt stand: 1542 wurde er durch Fürstbischof #Wolfgang von Salm als Hofmaler bestätigt und war 1546 Baumeister der Grafen Salm in Schloss Neuburg am Inn.
Die in Dreiviertelansicht nach links gewandte Frau gilt als eine der frühesten Farbkreidezeichnungen Hubers und lässt sich in eine Reihe von ca. 1522/23 entstandenen Blättern in ähnlicher Technik einfügen. Auch die ungewöhnliche Form ihres Hutes entspricht der Mode der Zwanzigerjahre und findet sich ebenso in #Albrecht Dürers 1525 datierter "Fronica Formschneiderin", der Ehefrau des berühmten Nürnberger Formschneiders Hieronymus Andreä (London, British Museum).
Die sorgfältige Modellierung des Gesichts durch die Mischung verschiedenfarbiger Kreiden, mit weißen Glanzlichtern an Stirn und Nase sowie rund um den Mund, kontrastiert mit den groben offenen Schraffen zur Angabe des blauen, hochgeschlossenen Obergewandes mit dem kleinen, hellen Kragen. Die Frau scheint direkt nach dem Leben gezeichnet; ihre etwas derben Züge mit der knolligen Nase und den asymmetrischen Augen sind ohne Idealisierung erfasst. Einige Strähnen haben sich über den Ohren aus dem im Nacken geflochtenen Haar gelöst, was dem ruhig und ausgeglichen wirkenden Antlitz eine große Unmittelbarkeit verleiht.
Dürer - Cranach - Holbein. die Entdeckung des Menschen; das deutsche Porträt um 1500; eine Ausstellung des Kunsthistorischen Museums Wien und der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung München; Kunsthistorirsches Museum Wien, Wien 2011, S. 169f., Abb. 92.
