2004.9.30
Fang Lijun
2004
Die glatzköpfig auftretenden jungen Männer auf dem Gemälde 2004.9.30 sind Selbstporträts des Künstlers. Das androgyne Selbst im blauen T-Shirt wird von einer weiblichen Begleitfigur impulsiv umarmt, doch trotz ihres Lachens bleibt es passiv, lässt die Arme hängen. Die Halbfiguren befinden sich vor einem Himmel, aus dessen bewölktem Blau verschieden große Rosen fallen; die zu Ballongröße aufgeblasene gelbe Pfingstrose hinter dem Paar wirkt bedrohlich. Es ist kein Paradies der Liebe.
Rahmenaußenmaß 253,3 × 183,5 × 6 cm
Mit der neuen Malergeneration der 1990er-Jahre, die am Rande Pekings in einer Fabrik tätig war und dem bereits kritischen „’85 New Art Movement“ folgte, kam neben Popkultur und Fotorealismus das monumentale Format des amerikanischen Abstrakten Expressionismus nach China.[1] Die Einflüsse kombinierende, eigenwillige Variante eines „Zynischen Realismus“, der die Inhalte des „Sozialistischen Realismus“ zur Persiflage wandelt und damit auch politisiert, konnte sich durch die internationale Anerkennung vor allem in Europa und Amerika und durch wichtige Biennalen auch im eigenen Land Anerkennung verschaffen. Der 1963 in Handan geborene Fang Lijun ist nach seiner grafischen Ausbildung an der Pekinger Akademie einer ihrer Hauptvertreter. Dreiteilig und über fünf Meter breit ist das auf den 31.12.2003 (Inv. EDLSB5198/1) datierte und ebenso betitelte Ölbild einer Hand in grellem Orange, die ein schreiendes Baby über eine kontrastierende blaue Wasserfläche hält. Von bunten Blumen (meist Rosengewächsen) umgeben, die an eine hawaiianische Schmuckgirlande erinnern, steht der kleine Bub vor einer Taufe, die ihn offenbar schwer beunruhigt. Geht es um die Ein-Kind-Politik Chinas, die männlichen Nachkommen den Vorrang gab? Fang Lijun verneint dies.[2] Die glatte Malweise und das wenig aufgepeitschte Wasser neutralisieren den Angstschrei und kühlen die Emotion stark herunter, lassen uns im Unklaren, auch wenn in einem Holzschnitt des Künstlers aus dem Jahr 2001 Hände eines untergehenden Menschen neben Blumen hilfesuchend aus dem Wasser ragen.
Wir werden auch im Fall von 2004.9.30 nur informiert, dass die glatzköpfig auftretenden jungen Männer Selbstporträts sind. Hier wird das androgyne Selbst im blauen T-Shirt von einer weiblichen Begleitfigur impulsiv umarmt, doch trotz ihres Lachens bleibt es passiv, lässt die Arme hängen. Die Halbfiguren befinden sich vor einem Himmel, aus dessen bewölktem Blau verschieden große Rosen fallen; die zu Ballongröße aufgeblasene gelbe Pfingstrose hinter dem Paar wirkt bedrohlich. Wie im Paradies der Liebe wirken die beiden nicht.
The Essl Collection, hrsg. Klaus Albrecht Schröder und Elisabeth Dutz, Wien 2021, S. 138.
[1] Feng Boyi, „Aus einem Funken kann ein Steppenbrand entstehen. Über die chinesische Avantgardekunst seit den 1990er Jahren“, in China Now, Ausst.-Kat. der Sammlung Essl Klosterneuburg, Klosterneuburg 2006, S. 22‒41, zu Fang Lijun siehe S. 68‒79.
[2] „Fang Lijun im Interview mit Wo Mo“, in: Chinese Whispers. Neue Kunst aus den Sigg und M+ Sigg Collections, Ausst.-Kat. Kunstmuseum Bern und Zentrum Paul Klee in Kooperation mit dem MAK, Wien, München 2016, S. 249.
With the new generation of painters emerging in the 1990s, a group of which worked in a factory on the outskirts of Beijing and followed the already critical ’85 New Wave movement, pop culture and photorealism, along with the monumental format of American Abstract Expressionism, came to China.[1] Combining influences, this idiosyncratic variant of Cynical Realism, which transformed the contents of Socialist Realism into a persiflage and thus also politicized it, was able to gain recognition through international presence, especially in Europe and America, as well as through important biennials at home in China. Trained in printmaking at the academy in Beijing, Fang Lijun is one of the key protagonists of this generation. The oil painting of a large orange hand holding a tiny crying baby over a contrasting blue surface of water, titled with the date 2003.12.31 (Inv. EDLSB5198/1), is comprised of three panels with a total width of over five meters. Surrounded by colorful flowers (mostly roses) reminiscent of a Hawaiian lei garland necklace, the little boy is about to be baptized, which apparently worries him deeply. Is the work about China’s one-child policy, which gave priority to male offspring? Fang Lijun denies this.[2] The smooth painting technique and the slightly churning water neutralize the cry of fear and strongly cool down the emotion, leaving us in the dark—although, in a visually related woodcut by the artist from 2001, hands of someone doubtlessly drowning reach out of the water surrounded by flowers, seeking help.
It is well known that the bald young men in Fang Lijun’s works are self-portraits. In the case of 2004.9.30, the androgynous self in the blue T-shirt is impulsively embraced by a female companion figure; however, the male figure remains passive with his arms hanging down behind him despite the woman’s laughter. The half-length figures are depicted in front of a cloudy blue sky, from which roses of various sizes fall; the yellow peony behind the couple, inflated to balloon-size, appears threatening. It is hard to imagine that the scene depicts a paradise of love.
The Essl Collection, hrsg. Klaus Albrecht Schröder und Elisabeth Dutz, Vienna 2021, S. 138.
[1] See: Feng Boyi, “Aus einem Funken kann ein Steppenbrand entstehen. Über die chinesische Avantgardekunst seit den 1990er Jahren,” in China Now, exh. cat. Sammlung Essl, Klosterneuburg (Klosterneuburg, 2006), 22‒41; for detailed information on Fang Lijun, see 68‒79.
[2] See: “Fang Lijun im Interview mit Wo Mo,” in: Chinese Whispers. Neue Kunst aus den Sigg und M+ Sigg Collections, exh. cat. Kunstmuseum Bern and Zentrum Paul Klee in cooperation with the MAK – Museum für angewandte Kunst, Vienna (Munich 2016), 249.
