Der Propagandist
Jonathan Meese
2005
Jonathan Meeses überlebensgroße Skulptur Der Propagandist ist ein hybrides, verstümmeltes Mischwesen, halb Mensch, halb Tier, halb Mann, halb Frau. Es ist mit Brüsten und einem erigierten Penis ausgestattet, männliche Geschlechtsorgane stehen wie Zöpfe steif vom Kopf, ragen am Rücken wie Fühler in die Höhe. Die dämonische Gesinnung dieser monströs-obszönen Figur, deren linkes Bein in einem Pferdefuß mündet, steht ihr ins Gesicht geschrieben: tiefe Augenhöhlen, riesige Ohren und eine Zunge, die aus einer undefinierten Öffnung ragt, an deren Stelle sich normalerweise der Mund befindet. In seiner Inszenierung der Gralsgeschichte befasst sich Meese besonders mit dem Gral und assoziiert Vater und Propaganda in einer Art und Weise, die an die Psychoanalyse Sigmund Freuds und das Über-Ich seiner Drei-Instanzen-Theorie erinnert.
Jonathan Meese’s larger-than-life sculpture The Propagandist is a hybrid, mutilated being: half human/half animal, half man/half woman. The artist has equipped it with breasts and an erect penis. Male sexual organs stand stiff on its head like braids and rise upwards from his back like feelers. The demonic attitude of this monstrously obscene figure, whose left leg ends in a horse’s foot, is written on its face: deep eye sockets, huge ears, and a tongue protruding from an undefined opening, where the mouth is usually located. The viewer cannot help but perceive The Propagandist as a perverse apparition. Meese’s works, such as the painting The Hermetic State Mutiny of the Ultra-Being Saintyr-Justyr on Board the Nautilus 1801 (Inv. EDLSB5527/1), are often based on an examination of controversial figures. In this case: Louise Antoine de Saint-Juste, who fought at Robespierre’s side during the French Revolution—a man in a state of rebellion. Here, terror in the name of virtue is intended to take the viewer out of his comfort zone.
In 2005, the “total artist” Meese took on Richard Wagner’s Parsifal with a performance in Berlin. In his staging of the legend of the Holy Grail titled Propaganda. Jonathan Meese Is Mother Parzival, he dealt specifically with the Grail and associated “father” and “propaganda” in a way reminiscent of Sigmund Freud’s psychoanalysis and the super-ego of his three-agents theory. In this context, the contemporary artist-demiurge speaks of the “propagandaddy” and plays a tautological game of argumentation by “letting propaganda be propaganda.” Whether Meese’s hard bronze figure exploits social norms, values and moral concepts, prescriptions and prohibitions for the purpose of personal enrichment, as suggested by the heavy sack which the figure carries in its right hand, remains to be seen.
Meese constantly strives to let words, things, and figures return to their origin. The entire thrust of his multimedia oeuvre, which includes painting, sculpture, performance, collage, video art, theater, and opera, and deals with world history, mythology, and heroic sagas, is to achieve its goal in an all-encompassing dictatorship of art. For art itself knows best what it is, has its own politics, and ultimately has no need of the artist.
The Essl Collection, hrsg. Klaus Albrecht Schröder und Elisabeth Dutz, Vienna 2021, S. 142.
Jonathan Meeses überlebensgroße Skulptur Der Propagandist ist ein hybrides, verstümmeltes Mischwesen, halb Mensch, halb Tier, halb Mann, halb Frau. Der Künstler hat es mit Brüsten und einem erigierten Penis ausgestattet. Zudem stehen ihm männliche Geschlechtsorgane wie Zöpfe steif vom Kopf, ragen am Rücken wie Fühler in die Höhe. Die dämonische Gesinnung dieser monströs-obszönen Figur, deren linkes Bein in einem Pferdefuß mündet, steht ihr ins Gesicht geschrieben: tiefe Augenhöhlen, riesige Ohren und eine Zunge, die aus einer undefinierten Öffnung ragt, an deren Stelle sich normalerweise der Mund befindet. Der Betrachter kommt nicht umhin, den Propagandisten als perverse Erscheinung wahrzunehmen. Häufig liegt Meeses Arbeiten wie auch dem Gemälde Die hermetische Staatsmeuterei des Ultrawesens Saintyr-Justyr an Bord der Nautilus 1801 (Inv. EDLSB5527/1) die Auseinandersetzung mit kontroversen Figuren zugrunde: Louise Antoine de Saint-Juste, der während der Französischen Revolution an der Seite Robespierres kämpfte, handelt von einem Menschen in der Revolte. Terror im Namen der Tugend soll auch hier den Betrachter aus der Komfortzone holen.
2005 hat der Totalkünstler Meese mit einer Performance in Berlin Richard Wagners Parsifal bearbeitet. In seiner Inszenierung der Gralsgeschichte mit dem Titel Propaganda. Jonathan Meese ist Mutter Parzival befasst er sich besonders mit dem Gral und assoziiert Vater und Propaganda in einer Art und Weise, die an die Psychoanalyse Sigmund Freuds und das Über-Ich seiner Drei-Instanzen-Theorie erinnert. Der Künstler-Demiurg der Gegenwart spricht in diesem Zusammenhang von „Propagandaddy“ und betreibt ein tautologisches Argumentationsspiel, indem er „die Propaganda die Propaganda sein lassen“ will. Ob Meeses Figur aus harter Bronze soziale Normen, Werte und Moralvorstellungen, Gebote und Verbote zum Zweck der persönlichen Bereicherung ausbeutet, wie der schwere Sack nahelegt, den die Figur in der Rechten trägt, sei dahingestellt.
Meese will stets Worte, Dinge und Figuren zum Ursprung zurückkehren lassen. Die gesamte Stoßrichtung seines multimedialen, Malerei, Skulptur, Performance, Collage, Videokunst, Theater- und Opernarbeit umfassenden Œuvres, das Weltgeschichte, Mythologie und Heldensagen thematisiert, soll in einer alles umfassenden Diktatur der Kunst ihr Ziel erreichen. Denn die Kunst wisse selbst am besten, was sie ist, habe ihre eigene Politik und brauche letztlich auch den Künstler nicht.
The Essl Collection, hrsg. Klaus Albrecht Schröder und Elisabeth Dutz, Wien 2021, S. 142.
