Ohne Titel
Katharina Grosse
2003
Die 1961 in Deutschland geborene Katharina Grosse zählt zu den bedeutendsten Künstlerinnen der Gegenwart. Schon lange hat ihre Malerei die Leinwand und das Papier verlassen und Räume wie auch deren Inventar und Mobiliar erobert. Hebebühnen und hohe Leitern ersetzen Staffelei und Arbeitsplatz im Atelier. Gestaltet wird vor Ort, der Arbeitsraum kann vorab selbst Veränderung erfahren: als eine neue, adäquate „Grundierung“ und als Ausgangspunkt für diskursive Begegnung und künstlerische Interpretation. Die Architektur wird in einen farbgewaltigen Mal- und Bildraum verwandelt.
Seit den frühen 1990er-Jahren formuliert Katharina Grosse mit ihrem Werk eine relevante internationale Position im Bereich der Malerei. Ihr gleichermaßen analytisches wie impulsives Schaffen zielt auf eine systematische Befragung und Erweiterung des Malereibegriffs ab. Wie mit ihrer Malerei unterzieht Katharina Grosse auch mit ihren Papierarbeiten die tradierten Verhältnisse zwischen Kunstwerk und Umraum, zwischen Malfläche und Wand einer Veränderung. Mit Schablonen, Sprayfarben und anfangs noch mit dem Pinsel schichtet und türmt sie ihre Farbräume auf. Die Fläche reißt auf: Risse, Spalten, Farbschlingen und farbliche Leerstellen öffnen die Kompositionen und suggerieren in den einander farblich brechenden und überschneidenden Schichten unendliche Tiefen. Manche Lösungen erwecken den Eindruck von Reliefs, so plastisch können einzelne Farblichtgestaltungen wirken. Im Gegensatz zu ihren Sprayarbeiten bemalt sie 2001 im Kunstverein Ruhr in Essen die Wände und einen Teil der Decke eines großen Raums mit grafischen Linien in unterschiedlichen Farben. Die hier gezeigten Arbeiten stehen mit diesem Projekt in Zusammenhang. Das aus unregelmäßigen Farblinien entstehende dominante Bogensegment öffnet die Bildebene tunnelartig in die Tiefe.
Katharina Grosse verwandelt die Oberfläche des Bildträgers in eine Konfiguration leuchtender Farbkörper und -bahnen, die teils an Glasfenster erinnern und Innen und Außen verbinden, indem sie Wände mit Licht und Farbe durchdringen. Auch zweidimensionale Arbeiten Grosses zeigen, dass es ihr nicht zuletzt um die offensive Eroberung von Raum und Architektur geht.
The Essl Collection, hrsg. Klaus Albrecht Schröder und Elisabeth Dutz, Wien 2021, S. 90.
Born in Germany in 1961, Katharina Grosse is one of the most important contemporary women artists. Her painting has long since left the canvas and paper and conquered rooms as well as their inventory and furniture. Lifting platforms and high ladders replace easel and workplace in the studio. Design is done on site, which is why the work area itself can undergo prior change: as a new, adequate “foundation” and as a starting point for discursive encounters and artistic interpretation. The architecture is transformed into a colorful spatial painting and pictorial space.
Since the early 1990s, Katharina Grosse has used her work to formulate a relevant international position within the field of painting. Her both analytical and impulsive work aims at a systematic questioning and expansion of the concept of painting. As with her painting, Katharina Grosse’s works on paper also subject the traditional relationships between the artwork and its surroundings, between painting surface and wall, to a change. With stencils, spray paints, and, in the beginning, still with a brush, she layers and piles up her color spaces. The surface breaks open: Cracks, crevices, loops of paint, and colored empty spaces open the compositions and suggest infinite depths within the layers that chromatically break and overlap. Some solutions give the impression of reliefs since individual colored light designs can have a three-dimensional effect. In contrast to her sprayed works, in 2001, she painted the walls and part of the ceiling of a large room at the Kunstverein Ruhr in Essen with graphic lines in different colors. The works illustrated here are related to this project. The dominant arch element, which is created from irregular color lines, opens the picture plane tunnel-like into the depth.
Katharina Grosse transforms the surface of the image carrier into a configuration of luminous colored bodies and webs, some of which are reminiscent of stained-glass windows and connect inside and outside by penetrating walls with light and color. Grosse’s two-dimensional works also show that she is not least of all concerned with the offensive conquest of space and architecture.
The Essl Collection, hrsg. Klaus Albrecht Schröder und Elisabeth Dutz, Vienna 2021, S. 90.
