Claude Mellan, Das Schweißtuch der Veronika, Inv. Nr.: DG11401
Das Schweißtuch der Veronika
Claude Mellan, Das Schweißtuch der Veronika, Inv. Nr.: DG11401
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Das Schweißtuch der Veronika

Claude Mellan

1649




Künstler:in (Abbeville 1598 - 1688 Paris)
Date1649
Object TypeDruckgraphik
Object typePrint
Materials / TechniquesKupferstich
DimensionsBlatt: 44 × 32,8 cm
Platte: 43,2 × 31,7 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object numberDG11401
Edition2. Zustand
Inscribed"FORMATVR VNICUS VNA / NON ALTER / CMELLAN G. P. ET F. / IN AEDIBUS REG. / 1649"
Im Kontext der Sammlung
Die historischen Klebebände der Albertina konnten in einem umfassenden Forschungs- und Digitalisierungsprojekt erschlossen und digital zugänglich gemacht werden. Insgesamt umfasst die Sammlung der Albertina 1436 historische Folianten, davon beinhalten 749 die Druckgrafiken des herzoglichen Sammlerpaares. Mehr zum Projekt
Dieses Blatt befindet sich auf Seite F/I/11/23 des Klebebandes Frankreich nach Sektionen I/11. Der Band ist Teil der historischen Druckgrafiksammlung Herzog Alberts von Sachsen-Teschen und seiner Gemahlin Marie Christine. Die Druckgrafiken dieser Sammlung werden in ledergebundenen Folianten verwahrt, die traditionell als „Klebebände“ bezeichnet werden. Die Sammlung als solche ist nach europäischen Kunstlandschaften gegliedert und umfasst die Bereiche Deutsch, Frankreich, Holland und die Niederlande, Italien sowie England. Der Klebeband, in welchem sich die vorliegende Seite befindet, umfasst Arbeiten aus dem Raum Frankreich. Er gehört in der Sammlungsstruktur zur Sektion 1, welche vornehmlich Grafiken beinhaltet, bei welchen Erfindung und druckgrafische Ausführung meist in der Hand derselben Künstlerin bzw. desselben Künstlers liegt. Es ist der 11. Klebeband dieser Sektion. Über den Bereich „Verbundene Objekte“ können Sie den gesamten Klebeband einsehen.
Text

Claude Mellan (1598–1688) wurde in Abbeville im nordfranzösischen Département Somme als Sohn eines Kupferschmieds geboren. Wie es für Künstler des 17. Jahrhunderts üblich war, begab er sich zu Beginn seiner Karriere nach Rom, um dort die Werke des klassischen Altertums und der italienischen Renaissance zu studieren. Schon in diesen frühen Jahren wurden die Zeichnung und insbesondere der Kupferstich zu Mellans wichtigsten Betätigungsfeldern. Im Anschluss an seine Rückkehr nach Paris im Jahr 1637 trat der Künstler in die Dienste des französischen Königs und bezog ein Quartier im Louvre.

 

Sein technisch brillanter Kopf eines Satyrs  (Inv. 11465) ist aus einer einzigen an- und abschwellenden Spirallinie komponiert. Mellan setzte den Rötel in der Mitte der Darstellung, auf der Nasenspitze des Fabelwesens an und führte ihn, wohl mit Hilfe eines Zirkels, in annähernd kreisförmigen Bewegungen nach außen. Durch unterschiedlich starken Druck und verschiedene Neigungswinkel des Stifts auf dem Papier variierte er die Linie so, dass nach und nach das Antlitz der Figur zu Tage tritt. Im Zuge seiner Tätigkeit für den französischen König hatte sich der Künstler auf die Herstellung höfischer Porträts spezialisiert. Möglicherweise war es das mythologische, nicht nach der Natur gezeichnete Sujet, das ihm hier eine größere gestalterische Freiheit erlaubte und zu dieser außergewöhnlichen bildlichen Lösung führte.

 

Im technisch verwandten, druckgraphischen Meisterwerk des Schweißtuchs der Veronika wurde das Gesicht nicht mit einem Stift auf Papier gezeichnet, sondern mit dem Grabstichel direkt in der Kupferplatte geritzt. Da dieser Vorgang einen erheblichen Druck verlangt, ist die Hand des Künstlers in ihrer Flexibilität wesentlich eingeschränkt, Korrekturen werden nahezu unmöglich. Wie schon in der Zeichnung setzte Mellan auch hier im ungefähren Zentrum des Blattes an und arbeitet sich, die Kupferplatte gegen den Urzeigersinn rotierend, von innen nach außen. Anders als beim Kopf eines Satyrs verläuft der Strich jedoch nicht annähernd kreisrund, sondern wellenförmig. Die Konturen des Gesichts und des scheinbar darunter liegenden Tuchs werden so durch den Aufsatzwinkel und die Tiefe des Stichs, aber auch und vor allem durch die Ondulationen der Linie erzeugt.

 

Die herausragende technische Umsetzung des Blattes ist unmittelbar auf den Darstellungsgegenstand bezogen. Das aus der ostkirchlichen Tradition stammende ‚wahre Antlitz Christi‘ oder ‚vera icon‘ wurde seit dem 14. Jahrhundert auch in Europa zunehmend in die Erzählung der Leidensgeschichte Jesu integriert. Als der Heiland am Weg zu seiner Kreuzigung auf dem Berg Golgota zusammenbrach, habe ihm eine fromme Frau namens Veronika helfend ihren Schleier gereicht, um Blut, Schweiß und Tränen abzuwischen. Wundersamerweise habe sich das Gesicht des Erlösers dabei in das Tuch eingeprägt und so das wahre Antlitz des Herrn überliefert.

Der Schleier, der bis heute in mehreren Reliquien verehrt wird, bezieht seinen besonderen Status folglich daraus, dass er nicht von Menschenhand gemacht, sondern direkt aus dem quasi faktischen Abdruck des Christusgesichts entstanden ist. Dennoch wurde das Tuch zu einem häufig dargestellten Gegenstand der europäischen Bildtradition. Das nicht von einem Menschen gemachte Bildnis musste also paradoxerweise von einem Menschen künstlerisch reproduziert werden. Diesen einzigartigen Status bringt Mellan mit Hilfe seiner neuartigen Technik der singulären Linie zum Ausdruck.

 

Am unteren Bildrand der Darstellung wurden mehrere lateinische Beschriftungen eingefügt. In der linken Ecke sind mit der Inskription „CMELLAN G. P. ET F. / IN AEDIBUS REG. / 1649" („Claude Mellan der Franzose hat dies gemalt und gemacht / in den Gebäuden des Königs / 1649) Autor, Ort und Datum der Entstehung des Werks dokumentiert. Unmittelbar darüber findet sich in römischen Majuskeln folgende Schrift: „FORMATVR VNICUS VNA / NON ALTER“ („Der Einzige von der Einen geformt / kein Anderer“). In eleganter Ambivalenz bezieht sich dieser von Mellans Freund, dem Abt Michel de Marolles verfasste Text auf gleich zwei Aspekte des Bildes: Zum Ersten ist hier der einzige Gottessohn angesprochen, der von der einen Mutter Maria geboren wurde und dem kein anderer gleichzukommen vermag. Zum Zweiten wird darin auf reflexive Weise der vorliegende Kupferstich selbst kommentiert: Er zeigt den einen Heiland aus einer einziger Linie geformt, kein anderer – außer Mellan – wäre zu einer solchen Leistung fähig gewesen.

 

Die Unendlichkeit der Linie: Claude Mellan

 

Claude Mellan (1598–1688) ist außerhalb Frankreichs ein der Allgemeinheit wenig bekannter Künstler. Der Maler, Zeichner und Grafiker war der Sohn eines Kupferschmieds und begann seine Laufbahn als Kupferstecher. Gemälde sind von ihm sind kaum erhalten oder nur durch Reproduktionsstiche von eigener Hand bekannt. Zudem ersann er eigenwillige Bildschöpfungen, darunter das berühmte und einzigartige Blatt Das Schweißtuch der Veronika (DG11401), das er in der Reifezeit seines Schaffens ausführte. „Der Eine und Einzige wurde aus einer Einzigen gebildet“ („FORMATUR; UNICUS; UNA – NON ALTER“) – so lautet die in lateinischen Majuskellettern am Saum des Tuchs und am unteren Rand des Blattes gedruckte Inschrift auf dem mit 1649 datierten Kupferstich der Vera Icon, des „wahren Bildes“. Aus einer einzigen Linie schuf Mellan das Antlitz des „Einen“, des Gottessohnes.

Die Legende des Sudariums folgt der Überlieferung, wonach sich Jesus mit dem Kreuz beladen auf dem Weg nach Golgatha befand und auf die heilige Veronika traf. Sie reichte ihm ein Tuch, damit er sich den Schweiß und das Blut aus dem Gesicht wischen konnte. Auf wundersame Weise fand sich das Gesicht als Abdruck auf dem Schweißtuch wieder. Im Mittelalter wurde die Legende in der westeuropäischen Malerei aufgegriffen. Hier wird zumeist die heilige Veronika mit dem Schweißtuch gezeigt. Im Osten hingegen wurde das Schweißtuch früher und in Form von Ikonen rezipiert. Das Tuch mit dem Christusbild soll nach Edessa in der heutigen Türkei gekommen (Mandylion von Edessa) sein; danach verlor sich seine Spur. Nach seiner angeblichen Auffindung wurde es als eine der kostbarsten und am höchsten verehrten Reliquien der Christenheit angesehen. 1506 soll es beim Neubau des Petersdomes in einen der vier Vierungspfeiler eingemauert worden sein.

Mellan beschränkte sich allein auf die Darstellung des Schweißtuchs mit dem Gesicht Christi. Das Haupt wird von einem Nimbus umrahmt, der Bart des Christuskopfes von schulterlangem Haupthaar flankiert. Der Stecher setzte den Grabstichel im Mittelpunkt des Blattes dort an, wo im fertigen Bild die Nasenspitze Christi erscheinen sollte. Davon ausgehend trieb er die Linienführung in einer unendlich scheinenden Spirale voran, indem er langsam und sachte die auf einem Lederpolster ruhende Kupferplatte im Gegensinn drehte. Penibel achtete er darauf, dass die Abstände zwischen den konzentrischen Linien gleich groß blieben, und präzise ließ er die Linie dort zart an- und abschwellen, wo er Modellierungen und Licht- bzw. Schattenpartien setzen wollte. Auf diese Weise schuf er das Bild mit einer einzigen Linie. Das lebendig interpretierte Christusgesicht mit dem dornenbekrönten Haupt, dem leidgeplagten Gesicht und dem nach innen gekehrten Blick verrät ein Maß an Realismus, das mit den bis dahin gekannten stilisierten Darstellungen auf Ikonen brach. Die lebensnahe Darstellungsweise ist realistischen Strömungen in Rom geschuldet, wo sich Mellan zwischen 1624 und 1637 aufhielt und er die Kunst der Carraccis und Caravaggios kennenlernte.

Mellan gehörte nicht zu den Mitbegründern der 1648 etablierten Académie royale de peinture et sculpture in Paris. Ihr Anliegen war es, Malerei und Bildhauerei nicht als Handwerk, sondern als Wissenschaft betrieben zu sehen, weil ihnen eine schöpferische Idee zugrunde liege und sie sich darin mit anderen existierenden Künsten, etwa mit der Dicht- und Redekunst, messen ließen. Mellans 1649 ausgeführter Kupferstich vereint auf kongeniale Weise handwerkliche Virtuosität und Erfindergeist, sodass man vor oben genanntem Hintergrund annehmen möchte, dass auch er seine höhere Berufung als Künstler unter Beweis stellen wollte.


Catalogue raisonné
  • IFF 21.II
  • Montaiglon 1856 25
  • Préaud 1988 47.21.II
  • Bibliography
  • Jean Sgard, La Sainte Face de Claude Mellan. Etude des bases géométriques du dessin, Abbeville 1957
  • Maxime Préaud (Hg.), Inventaire du fonds français, graveurs du XVIIe siècle. 17: Claude Mellan, Paris 1988, S. 47, Nr. 2
  • Barbara Brejon de Lavergnée/Maxime Préaud (Hg.), L'oeil d'or. Claude Mellan (Ausst. Kat. Bibliothèque Nationale, Paris 1988), Paris 1988, S. 92-93, Nr. 106 (zu Exemplar in anderer Sammlung)
  • AK The Print, Albertina Wien 2022, Kat. 82
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    Last edited24.03.2025