Saturn und Phikyra
Andrea Meldolla, gen. Schiavone
1543-1546
Die Darstellung auf der Radierung steht in Zusammenhang mit einem Tafelbild von Parmigianino in einer Privatsammlung in New York (Gnann 2007, Abb. 114; https://permalink.obvsg.at/alb/AC06712859§), in dem zu sehen ist, wie Philyra Saturn mit einem Blumenkranz bekrönt. Der Gott hatte sich aus Liebe zu der Naiade Philyra in ein Ross verwandelt und mit ihr den Kentaur Kiron gezeugt. Parmigianino hat zu diesem Bild eine ganze Reihe von Entwürfen geschaffen (Gnann 2007, Nr. 883-888, Nr. 768 verso; https://permalink.obvsg.at/alb/AC06712859§), von denen eine Vorzeichnung in Windsor Castle (Gnann 2007, Nr. 887; https://www.rct.uk/collection/search#/5/collection/990564/saturn-and-philyra§) mit der gegenseitigen Radierung fast in allen Einzelheiten übereinstimmt. In einer graziösen Drehbewegung und fast tänzelnder Haltung wendet sich Philyra zärtlich dem Tier zu, schmiegt sich an seinen Körper, streift behutsam den Kranz über den Kopf und bekundet so ihre Liebe zu dem geflügelten Ross. Auf dem Bild hat Parmigianino noch geringfügige Veränderungen vorgenommen, einen Amorknaben eingefügt und Philyra fast gänzlich unbekleidet dargestellt, wohingegen sie auf der Vorzeichnung in Windsor Castle ein transparentes antikisches Gewand trägt, das ihren betörend schönen Körper durchscheinen lässt. Auf seinem Druck hat Schiavone gegenüber der Zeichnung dem Ross lediglich einen Schweif hinzugefügt und das Liebespaar auf Wolken schweben lassen. Er versetzt somit die Szene in den Himmel, wohingegen sie sich bei Parmigianino auf der Erde abspielt. In Unkenntnis der Komposition von Parmigianino war man traditionell der Auffassung, die Radierung stelle eine Muse dar, die das Zauberross Pegasus bekränzt. Da Schiavone womöglich nur den Entwurf, nicht aber das Bild von Parmigianino kannte, ist es nicht vollkommen ausgeschlossen, dass auch er seinem Blatt diese Bedeutung geben wollte.
F. Richardson und ihm folgend G. Dillon sprachen sich für eine Datierung der Radierung 1543-1546 aus, die der Autor für völlig überzeugend hält. Die feine differenzierte Linienführung sowie die Art, wie sich die Frauengestalt vollkommen frei um ihre Achse zu drehen vermag, setzen jenen sich um 1543-1545 vollziehenden Stilwandel voraus, ab dem Schiavone seine Figuren nicht mehr vom Umriss her konzipiert, sondern sie mit ihren Bewegungen den Raum ergreifen und ausfüllen lässt. Man beachte auch, dass Schiavone nun die Kompositionen Parmigianinos nicht mehr lediglich formal übernimmt, sondern sich ganz in dessen raffinierten Stil hineinzuversetzen vermag: den märchenhaften Zauber seiner grazilen Geschöpfe, den strahlenden Glanz der Stoffe und das Lichte und Duftende, das die Bildräume erfüllt. Im ersten Zustand der Radierung, der in einem Exemplar in Paris (Bibliothèque Nationale Réserve Bd. 5 (f)-Fol, C. 8334) erhalten ist, fehlen noch die Schraffuren rechts vom Flügel des Rosses, und auch der Himmel ist auf der linken Seite stärker durchlichtet. Im zweiten Zustand (Exemplar New York, Metropolitan Museum, Inv. 27.78.2[105]; https://www.metmuseum.org/art/collection/search/365157§) ist die Stelle neben dem Flügel mit Schraffuren ausgefüllt. In dem hier gezeigten Druck der Albertina sind im Himmelsbereich links weitere Schraffuren hinzugefügt. Durch die sukzessive Verschattung des Himmels durch Schraffuren gelang es Schiavone, das zuvor vom Hintergrund etwas abgesetzte Paar harmonisch mit dem Atmosphärischen zu verbinden.
vgl. Achim Gnann und Milan Pelc (Hg.), Andrea Meldolla Schiavone. Printmaking Genius of Mannerism (Kat. Ausst. Museum of Fine Arts, Osijek 2023) Kat. 61, https://permalink.obvsg.at/alb/AC16965842§).
