Beim Schnapsbrenner
Alfred Kubin
1928
Verlassene Gebäude
und menschenleere Städte, die ins Zwielicht oder in nebliges Dunkel gehüllt
sind: Unheimliche Szenerien zwischen Realität und Traum sind charakteristisch
für Alfred Kubin. Seine Federzeichnungen, die mit Lavierung und Spritztechnik
sorgfältig ausgearbeitet sind, bestechen durch ihre technische Virtuosität und
Finesse – »Federgemälde« nannte sie Lyonel Feininger einmal treffend. Die
düsteren Bauten wirken wie Illustrationen für Kubins dystopischen Roman »Die
andere Seite« (1909), der in der fiktiven Traumstadt Perle spielt. Deren
Bewohner tragen altmodische Kostüme und wohnen in alten Gebäuden, alles Moderne
wird abgelehnt. Die vermeintliche Idylle der in ständiges Dämmerlicht
getauchten Stadt entpuppt sich als Überwachungsstaat, der schließlich in einer
Apokalypse untergeht. Die Stadt ist bei Kubin kein dynamischer Lebensraum,
sondern ein düsterer Ort des gesellschaftlichen Niedergangs und der Einsamkeit.
