Vier Ebenen (Four Levels) 4
Greta Schödl
2020
Maße mit Rahmen 50 × 35 cm
Greta Schödl (*1929) ist seit den 1960er-Jahren künstlerisch aktiv und zählt zu den zentralen, wenn auch lange übersehenen Positionen der Poesia visiva. In einer Zeit, in der Frauen, die mit Sprache als künstlerischem Material arbeiteten, eine Ausnahme bildeten, entwickelte Schödl eine eigenständige Bildsprache. In dieser dient Schrift nicht mehr der Mitteilung, sondern wird zum Träger von Rhythmus, Zeit und Erinnerung. Ihr Werk kreist um das Unsichtbare, das hinter und zwischen den Zeichen liegt. Buchstaben und Symbole verlieren ihren semantischen Gehalt und verwandeln sich durch obsessive Wiederholung, Reduktion und gestische Auflösung in abstrakte Strukturen. In dieser Transformation ähnelt ihre Arbeit sowohl der konzeptuellen Strenge einer Hanne Darboven als auch der poetischen Symbolik von Tomaso Binga.
Ein zentrales Werk innerhalb dieses Schaffens ist die 2020 entstandene Papierarbeit Vier Ebenen. Jedes der vier Blätter zeigt eine eigene Stufe der Transformation. Auf dem ersten Blatt verdichten sich zahlreiche Pinselstriche in verschiedenen Schattierungen von blauer Tinte zu einem rhythmischen Muster, das an einen gewebten Teppich erinnert. Im zweiten Blatt treten aus diesen abstrakten Spuren goldene Akzente hervor, die sich zu einer geschwungenen Handschrift formen. Der Name »Greta Schödl« wird sichtbar. Auf dem dritten Blatt wiederholt sich dieser Name flächendeckend. Vertikale Linien aus Gold strukturieren das Bildfeld. »Hier bin ich«, sagt das Werk. Auf dem vierten Blatt schließlich steht nur noch das Gold. Die Schrift hat sich vollständig aufgelöst. Übrig bleiben vibrierende vertikale Linien, die nicht mehr lesbar sind. Vier Ebenen ist eine wichtige Papierarbeit in Schödls Œuvre. Sie verweist auf das poetische Potenzial der Wiederholung, auf die psychologische Aufladung des Handgeschriebenen und auf die Auflösung der Grenze zwischen Sprache und Bild. Die Arbeit zeigt, wie sehr sich Schödl in ihrem künstlerischen Denken über Jahrzehnte einem konzentrierten Suchen nach Individualität und Selbstbewusstsein verschrieben hat.
Martina Denzler in: Faszination Papier, hrsg. von Ralph Gleis, Katharina Hövelmann, Elsy Lahner, Eva Michel (Ausst.-Kat. Albertina, Wien), Wien 2025.
IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/650712/vier-ebenen-four-levels-4Image Request