Mit seinem Selbstbildnis von 1484 – Dürers ältestes auf uns gekommenes Werk – erklärt der Künstler das eigene ICH schon zur Richtschnur des gesamten nachfolgenden Oeuvres. Die Zeichnung offenbart uns die Selbstsicherheit und Zuversicht eines jungen Talents, als ob er seine Ebenbürtigkeit mit dem Vater, Goldschmied Albrecht Dürer dem Älteren (Ajtos/ Ungarn 1427–1502 Nürnberg) demonstrieren wollte. Als er ein Kind war, so informiert uns die spätere, doch eigenhändige Aufschrift, habe er sich nach seinem Spiegelbild gezeichnet.
Mit Nachdruck erklärte Erwin Panofsky die Silberstiftzeichnungen des Älteren nun zu einem Gegenstück, geschaffen aber von der Hand des Vaters. Er, Albrecht Dürer der Ältere, zeigt sich als Goldschmied, der mit einer Statuette in seiner Rechten eine Probe seines Könnens vorführt. Der ältere Dürer war ungarischer Herkunft und ist in Nürnberger Dokumenten seit 1455 erwähnt. 1467 heiratete er Barbara, die Tochter des angesehenen Goldschmieds Hieronymus Holper, den Albrecht d. Ä. vermutlich als Geselle kennenlernte. Im Jahr 1468 wurde Dürer zum Meister des Goldschmiedehandwerks und trat auch in die öffentlichen Ämter, die sein Schwiegervater inne hatte, ein. Nur ein paar Goldschmiedestücke seiner Hand sind bekannt; die Zuschreibung des “Schlüsselfelder Schiffs”, eines der bedeutendsten Werke der Nürnberger spätgotischen Goldschmiedekunst, wird mittlerweile abgelehnt (Matthias Mende, in: AKL 2001, S. 294).
Der Urheber des Blattes und seine Datierung sind noch immer umstritten. Das Selbstporträt des Dreizehnjährigen und vorliegende Zeichnung – sie teilen sich Merkmale wie die überaus feinen Linien des zarten Stifts, die zunächst locker skizzierten, dann in ihrer endgültige Form akzentuierten Konturen oder die feine Schraffur, die Licht, Schatten und Plastizität evoziert. Doch im Vergleich zum Bildnis des Kindes wirkt dieses Blatt energischer, mit mehr Nachdruck und Routine ausgeführt. Daher wurde lange und oft angenommen, dass das Porträt des Vaters zwar ein Werk des Sohnes ist, doch ein oder zwei Jahre nach dem Selbstporträt von 1484 geschaffen wurde. Doch besteht heute weitgehend Konsens, dass wir eine der seltenen Zeichnungen des älteren Dürer vor uns haben. Vor allem die versteckte linke Hand, die ja in Wahrheit des Künstlers Rechte ist – also seine zeichnende Hand, die sich im Spiegelbild umkehrt –, ist ein häufiges Merkmal von Selbstporträts. So mag der Vater das Porträt seiner selbst mehr oder weniger kurz nach der Zeichnung des Sohnes und womöglich sogar in künstlerischem Wettbewerb vom Spiegel gezeichnet haben.
Wenn wir der Inschrift einer Kopie des Blattes glauben (ehemals Sammlung Burg Rheinstein), die auf das Jahr 1486 verweist, dann würde der Vater 59 Jahre alt gewesen sein – eine angesichts seiner müden Züge plausible Datierung. Vielleicht aber sollte man die Zeichnung sogar noch enger mit dem Florentiner Porträt des Vaters von 1490 verbinden, denn das gezeichnete Gesicht sieht fast älter aus als das gemalte. Mit beiden Blättern, dem Selbstbildnis des Dreizehnjährigen und dem des Vaters, die (ungeachtet einer Chronologie) als ein Paar konzipiert wurden, haben wir das früheste Manifest für die Sorge, die Dürer seinen Leben lang umtreiben sollte: nämlich sich als eine Autorität in der Kunst wie auch als Kombattant mit anderen Meistern zu stilisieren.
(nach dem Bildtext im Ausstellungskatalog Washington 2013)