Der blinde Arbeiter
Francisco José de Goya y Lucientes
1803-1812 oder 1816-1820
Goya, Hauptvertreter der spanischen Kunst des 18. Jahrhunderts, wurde mit seinen scharfsichtigen, kritischen Schilderungen und seinen beklemmenden Phantasmagorien menschlicher Abgründe und Torheiten zu einem der Wegbereiter der Moderne. Mit dem Medium der Zeichnung als eigenständiger Kunstform begann er sich erst spät, im Alter von 50 Jahren, ernsthaft auseinanderzusetzen. Ähnlich seinen Radierfolgen bevorzugte er auch hier die zyklische Form: Acht Alben sind heute bekannt. Die Zeichnung der Albertina gehörte zum so genannten Schwarzrand-Album (E), das ursprünglich 50 lose Blätter umfasste. 42 Darstellungen können heute diesem Album zugeordnet werden. Die Zeichnungen sind entweder mit einer doppelten oder einer einfachen schwarzen Umrandungslinie eingefasst - daher die Bezeichnung Schwarzrand-Serie oder Schwarzrand-Album. Deren heutige Abfolge basiert auf Rekonstruktionsversuchen. Die Sorgfalt, mit der die Umrandungen präzise mit dem Lineal gezogen sind, lässt erkennen, dass Goya den Zeichnungen einen bildmäßig geschlossenen Charakter attestiert hat und dass sie weder als Vorlagen für Druckgrafiken noch für Gemälde gedacht waren.
Obwohl die Bildthemen sehr unterschiedlich sind, überwiegen realistische Darstellungen einfacher Menschen aus den ärmsten Volksschichten. Gezeigt wird ihr harter Alltag, vor allem bei der Arbeit. Das Albertina-Blatt zeigt einen blinden Schuster. Die Szene könnte man interpretieren als den "Sieg der Arbeit über die grausamste aller Krankheiten, die Blindheit. Um einen noch stärkeren Eindruck zu vermitteln, stellt Goya den Schuster inmitten seiner Familie dar. Während er einen Schuh flickt, hält er sein jüngstes Kind auf dem Arm, als wären dieses und seine bescheidene Arbeit seine größten irdischen Schätze" (Gassier 1973, S. 219). Daneben sitzt, etwas tiefer im Bild, vermutlich seine Frau, die ebenfalls an einem Schuh arbeitet. Hinter ihr sind der hutbedeckte Kopf und die rechte Schulter einer weiteren Figur zart angedeutet, wodurch die kleine Szene räumliche Tiefe erhält. Goya verzichtet hier, wie in fast allen weiteren Darstellungen dieses Albums, auf eine nähere Angabe des räumlichen Umfeldes, in dem die Szene spielt, wodurch die Wiedergabe der menschlichen Existenz umso eindringlicher zur Geltung kommt.
Gassier datiert die Zeichnungen des Schwarzrand-Albums zwischen 1803 und 1812, Wilson-Bareau zwischen 1815 und 1820, mit dem Hinweis auf ähnlich derb-rohe Menschentypen in Gemälden derselben Periode, wie z. B. dem Altarbild mit den "Heiligen Justina und Rufina" von 1817 in der Kathedrale von Sevilla. Gassier wies darauf hin, dass Darstellungen wie die des blinden Schusters bereits einen "im Volksleben verwurzelten Realismus" vorwegnehmen, wie ihn später #Honoré Daumier, #Jean-François Millet und #Gustave Courbet vertreten.
Maren Gröning, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 156.
