Urs Graf d. Ä., Richtstätte, Inv. Nr.: 3050
Richtstätte
Urs Graf d. Ä., Richtstätte, Inv. Nr.: 3050
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Richtstätte

Urs Graf d. Ä.

1512




Künstler:in (Solothurn um 1485 - 1527/28 Basel)
Date1512
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesFeder in Schwarz auf bräunlichem Papier, alle vier Ecken beschnitten und ergänzt
Dimensions21,9 × 23,9 cm (8 5/8 × 9 7/16 in.)
Rahmenaußenmaß 41,5 × 42,5 × 3,5 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number3050
InscribedAuf dem Holzstamm rechts die Aufschrift "LVG EBE[N] / FVR DIC / VG"
SignedMonogrammiert mit Feder l.u. "VG"; datiert r.u. "1512"
Markingskein Sammlerstempel Herzog Albert von Sachsen-Teschen
Text

Um 1485 im schweizerischen Solothurn geboren, erhielt Urs Graf zunächst eine Ausbildung als Goldschmied bei seinem Vater. Ab 1509 ist er in Basel nachweisbar, wird 1512 Bürger der Stadt und als Goldschmied Mitglied der "Zunft zu Hausgenossen". Von 1520 an ist er als Münzeisenschneider tätig. Besondere künstlerische Bedeutung erlangte er durch seine zahlreichen Zeichnungen, Entwürfe für Holzschnitte und selbst angefertigten Kupferstiche und Radierungen. Er führte ein bewegtes Wanderleben, nahm immer wieder an Kriegszügen teil, sei es im offiziellen Aufgebot der Zunft oder aus Abenteuer- und Beutelust. Gestorben ist er vermutlich 1527 oder 1528 in Basel.
Der Künstler setzte sich verschiedentlich in seinen Zeichnungen mit den Gräueln des Krieges auseinander. In der Richtstätte bestimmen zwar nicht Kampfhandlungen die Darstellung, wohl aber treten die Akteure auf, die sich in den kriegerischen Auseinandersetzungen immer wieder gegenüberstanden. Im Zentrum des Blattes und ganz nah an den unteren Rand gerückt, kniet ein deutscher Landsknecht, erkennbar an dem Andreaskreuz auf seiner Hose. Graf gibt ihn in strenger Rückansicht wieder. Er erwartet seine Hinrichtung, die ein Reisläufer (eidgenössischer Söldner), der durch das Schweizerkreuz an seinem Arm identifiziert werden kann, ausführen wird. Ins Profil gewendet, schaut er nach rechts, und sein Blick fällt auf Hingerichtete, auf einen Galgen und Räder, auf denen die Leichname der Verwesung und dem Fraß der Krähen preisgegeben sind. Über dem Reisläufer schwebt ein Teufel, der eine Seele in Gestalt eines Kindes geraubt hat, das klagend die Arme erhebt. Der Teufel schaut begehrlich nach rechts, wo über einem der Räder eine Seele von einem Engel in Empfang genommen wird.
Der durchdachte kompositionelle Aufbau dieser von grausamer Realistik erfüllten Szene verbindet sich mit einer konkreten inhaltlichen Aussage: links der Bereich des Lebens, rechts die Seite des Todes, in der Mitte der Landsknecht, der sich unmittelbar an der Grenze zwischen Leben und Tod befindet.
Obgleich der Reisläufer in seinem Tun innezuhalten scheint, ist nicht davon auszugehen, dass er und der Landsknecht den Teufel und den Engel sehen können, vielmehr stellt Graf sie so dar, als ob es sich um Gedanken handelt, welche den beiden in dieser Situation durch den Kopf gehen. Einer Darstellung des Jüngsten Gerichtes ähnlich (dort sind die Verdammten auf der rechten Seite dargestellt), deutete Graf damit die Möglichkeiten einer ewigen Verdammnis oder einer Errettung an, welche den Landsknecht ebenso erwarten können wie den scheinbar überlegenen, im Moment des Geschehens nicht bedrohten Reisläufer. Sein künftiges Schicksal steht aber unter einem schlechten Vorzeichen. Über ihm schwebt der Teufel, dem offenbar auch ein Schweizerdolch, der in seinem Rücken steckt, nichts anhaben kann. Der Schweizer wird sich vielleicht dieser Möglichkeiten unmittelbar vor seiner Handlung als irdischer Richter bewusst. Sein Blick führt nach rechts zu einem der Erhängten, mit dem er einen stummen Dialog zu führen scheint. Diesem scheinen die Worte in den Mund gelegt zu sein, die auf dem abgebrochenen Balken stehen und sich an den Künstler selbst richten: "LVG EBE FVR DIC[H] VG" (Pass auf dich auf, Urs Graf). Bemerkenswert ist die differenzierte Art, mit der der Künstler sich selbst ins Spiel bringt.

Christian Müller, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 22.

Catalogue raisonné
  • Tietze/Tietze-Conrat 1933, 332
  • Bibliography
  • Parker 1922, Tf. IV
  • Koegler 1926, Nr. 130
  • Lüthi 1928, Tf. 56
  • Christiane Andersson, Dirnen - Krieger - Narren. Ausgewählte Zeichnungen von Urs Graf, Basel 1978, S. 42, mit Abb. 32
  • Schröder 2008, Nr. 22 (C. Müller)
  • Klaus Albrecht Schröder (Hg.), AK, Die Gründung der Albertina. 100 Meisterwerke der Sammlung, Ostfildern 2014, S. 88-89.
  • Albertina, Meisterzeichnungen: Dürer bis Michelangelo, hrsg. von Klaus Albrecht Schröder, Bad Vöslau: Grasl Druck & Neue Medien 2003, Abb.27
  • Provenance
  • Herzog Albert von Sachsen-Teschen

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    Last edited06.05.2026