Der verlorene Sohn
Albrecht Dürer
um 1496
Das Gleichnis vom verlorenen Sohn aus dem Lukas-Evangelium (Lk 15, 11-32) erzählt die Geschichte von einem jungen Mann, der das ihm von seinem Vater vorzeitig überlassene Erbteil verschwendete, indem er in die Welt zog und sich dem Vergnügen hingab. Völlig verarmt musste er als Schweinehirt arbeiten und mit den Tieren das Futter teilen, um nicht zu verhungern. In dieser undankbaren Situation beschloss er, reumütig zu seinem Vater zurückzukehren und um Aufnahme als Tagelöhner zu bitten. Schließlich heißt der Vater den Sohn mit Freuden willkommen, da der Totgeglaubte wieder nach Hause zurückgekehrt ist.
Dürer verbildlicht die Situation, in welcher der Sohn beschließt, Reue zu zeigen und seine Fehler einzugestehen. Seine Körperhaltung, Gestik und Mimik verraten schon, dass er seinen Vater um Vergebung bitten will. Die Umgebung der Szene ist allerdings nicht, wie im Text der Bibel beschrieben, das offene Feld, sondern ein halb verfallener Gutshof, wie ihn ein Zeitgenosse Dürers in der Umgebung von Nürnberg vorgefunden haben könnte. Dürer stellt das Elend des Sohnes in Kombination mit dessen Aussicht auf Vergebung dar. Dafür gab es Ende des 15. Jahrhunderts kein Vorbild, denn üblicherweise wird der verlorene Sohn lediglich als armer Schweinehirte auf dem Feld gezeigt. Möglicherweise war die moraltheologische Auslegung des Gleichnisses in einer Basler Publikation ausschlaggebend für Dürer, dieses im 15. Jahrhundert eher unübliche Thema als Kupferstich zu veröffentlichen.
Die Entwurfszeichnung zum Kupferstich ist ebenfalls noch erhalten (London, The British Museum, Department of Prints and Drawings, Inv. 5218.173); sie ist seitenverkehrt angelegt, da die Darstellung spiegelbildlich auf die Kupferplatte übertragen wurde. Es existieren auch noch Vorstudien für die Figur des knienden Schweinehirten (W 146) und eine für den Stier (W 239), der in der Zeichnung in Umrisslinien angedeutet ist. Eine weitere Variation des knienden Jünglings wurde auch in "Johannes erblickt die sieben Leuchter" (Bartsch 1803-1821, 7, Nr. 62) aus der Holzschnittserie der "Apokalypse" wieder verwendet.
Zwischen dem gezeichneten Entwurf und dem ausgeführten Kupferstich wurden noch einige Änderungen vorgenommen: Dürer rückte die Häuser des Hintergrundes weiter nach vorne, der Hof erscheint somit nicht mehr so weitläufig. Die Schweine um den Trog wurden enger zusammengerückt und der auf der Zeichnung in Umrissen skizzierte Stier teilweise abgeschnitten. Trotz dieser kompositorischen Änderungen konnte Dürer das Problem der anatomisch schwer nachvollziehbaren Beinstellung des Knienden im Kupferstich nicht lösen. Er versuchte zwar, durch die Neupositionierung der Keule vor das Knie die Haltung des Jünglings vor dem Trog zu verdeutlichen - ganz gelungen ist es aber nicht. Die vielen Korrekturen und Veränderungen zeigen, welche Mühen Dürer auf den Entstehungsprozess eines Kupferstiches verwendete.
Die Resonanz auf die neuartige Gestaltung des Themas war in Italien und in Deutschland sehr groß; dies lässt sich anhand zahlreicher Kopien nachvollziehen. Auch #Giorgio Vasari hob diesen Stich lobend hervor, besonders die Hütten, die in jedem deutschen Dorf vorzufinden waren, beeindruckten ihn.
Vielleicht konnten sich Dürers Zeitgenossen mit diesem verlorenen Sohn identifizieren, dessen Elend sich in einer realistischen Umgebung abspielte. Das Wissen um die Vergebung, die den Heimkehrenden durch seinen Vater erwartete, wird auch dem Betrachter Hoffnung geschenkt haben.
Albrecht Dürer, Ausstellungskatalog, hg. von K. A. Schröder und M. L. Sternath, Albertina, Wien 2003, Abb. 33, S. 187.
