Georg Baselitz, Ohne Titel (Akt), Inv. Nr.: 38715
Ohne Titel (Akt)
Georg Baselitz, Ohne Titel (Akt), Inv. Nr.: 38715
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien Copyright: © Georg Baselitz

Ohne Titel (Akt)

Georg Baselitz

1974




Künstler:in (Deutschbaselitz 1938 - 2026)
Date1974
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesTusche, Ölfarbe auf Papier
Dimensions70,3 × 50 cm
Rahmenaußenmaß 96,4 × 76,9 × 3,5 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number38715
Signedr.u. "G. Baselitz Nov 74"
Text

Der 1938 in Deutschbaselitz/Sachsen geborene Maler Georg Kern nahm 1961 in Anlehnung an seinen Geburtsort den Namen Baselitz an. Ab 1956 studierte er an der Hochschule für bildende und angewandte Kunst in Ost-Berlin, musste diese aber noch im gleichen Jahr wegen "gesellschaftspolitischer Unreife" wieder verlassen. 1958 zog er nach West-Berlin und studierte dort bei #Hann Trier. Ende der 50er-Jahre gab es in Berlin erste Ausstellungen der amerikanischen Expressionisten, die Baselitz entscheidende Eindrücke vermittelten. 1963 kam es bei einer Ausstellung in der Galerie Werner & Katz in Berlin zu einem Skandal, der die Beschlagnahme zweier Bilder und ein gerichtliches Verfahren wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses zur Folge hatte. Die Bilder "Der nackte Mann" und "Die große Nacht im Eimer" (1962/63) - ein kleiner onanierender Mann mit überdimensionalem Geschlechtsteil - waren für das damalige Kunstempfinden unzumutbar. Gleichzeitig galten sie vor dem Hintergrund des Informel auch als unzeitgemäß. Die Motive und die Wildheit der Darstellung dieser "maladen" Produktion, wie Baselitz sich ausdrückte, galten als Bekenntnisse eines "dunklen, makabren, verworrenen, zerquälten Frühwerks" (zit. nach: AK Düsseldorf u. a. 1989, S. 7), das nur im Gegenständlichen seinen Ausdruck finden konnte.
1970 zeigte Baselitz in einer Ausstellung erste Bilder, deren Motive auf dem Kopf stehen. 1974, dem Entstehungsjahr der hier besprochenen Aktzeichnung, hatte Baselitz bereits wichtige Ausstellungen in Deutschland und im Ausland realisieren können, bedeutende Bilderserien waren entstanden.
Die Tusche-Öl-Zeichnung aus dem Jahr 1974 zeigt einen sitzenden männlichen Akt. Die Tuschzeichnung mag biografisch motiviert sein: Der ausgestreckte Arm des sitzenden Mannes scheint einen Pinsel zu halten, und das Rechteck hinter ihm ließe sich als Bild interpretieren. Als Georg Baselitz 1969 begann, seine Motive umzudrehen, wurde angezweifelt, dass die Bilder tatsächlich so entstehen. Vielmehr vermutete man, Baselitz male schon "richtig" und drehe die Bilder nach der Fertigstellung dann einfach um. Dass die Bilder so entstehen, wie sie zu hängen kommen, ist belegt, und die Konsequenzen dieser künstlerischen Entscheidung haben sich als tragfähig erwiesen. Rückblickend erscheint sie als genial und zwangsläufig zugleich.
In der fraglichen Zeit schlugen die Debatten um die Wiedereinführung des Gegenständlichen in der deutschen Malerei hohe Wellen, sodass das New Yorker Guggenheim Museum 1989 der deutschen Malerei von 1960-1988 eine Ausstellung unter dem Titel "Neue Figuration" widmete (AK Düsseldorf u. a. 1989). Es galt noch lange nach dem Zweiten Weltkrieg die Parole "Wer gegenständlich malt, ist ein schlechter Künstler" (zit. nach: AK Albertina 2003 a, S. 8 f.). Die deutsche Kunst war - von beiden Seiten der politischen Systeme - nach dem Zweiten Weltkrieg entweder durch das nationalsozialistische oder das kulturelle Erbe des sozialistischen Realismus belastet. Verständlich, dass sich die Generation von Künstlern, die das Nazi-Regime als Erwachsene erlebt hatten, vom Gegenstand abwenden musste, um in der Abstraktion, dem Informel, die notwendige Klärung ihrer künstlerischen Positionen zu finden.
Der künstlerischen Entscheidung, die Motive auf den Kopf zu stellen, ging Mitte der 1960er-Jahre die Fragmentierung der Bildgegenstände voraus. Es war der Versuch, das Dilemma zu lösen, gegenständlich, aber nicht illusionistisch zu malen. Doch erst mit dem Auf-den-Kopf-Stellen erreichte Baselitz das gewünschte Ergebnis für den Rezeptionsprozess: "Die Realität ist das Bild - sie ist sicher nicht auf dem Bild" (Eduard Beaucamp in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20. 5. 1988). Dadurch ergeben sich zwei bedeutsame Konsequenzen: Zunächst zwingt Baselitz den Betrachter des Motivs, das Bild als autonome Welt zu betrachten und "sich der Malerei an sich zuzuwenden" (zit. nach: AK Düsseldorf u. a. 1989, S. 255). Das "umgedrehte" Motiv bewirkt ein Innehalten im Wahrnehmungsprozess, da die Erwartungshaltung an das gewohnt "Richtige" unterlaufen wird. Der Rezipient wird so gezwungen, das Bild als Bild und nicht als Abbild einer äußeren Realität aufzufassen. Die Bildgegenstände bleiben dennoch lesbar, und der Betrachter erkennt, dass sie so und nicht anders gehören, da ihre Stimmigkeit durch den entsprechenden Malprozess gewährleistet wird. Das "Umdenken" beim Betrachten der Baselitz'schen Bilder verhindert auch - und dies erscheint in unserer Zeit der Bilderflut besonders bedeutsam - eine konsumorientierte Haltung gegenüber der Kunst und bewirkt damit eine Bewusstmachung des künstlerischen Arbeitsprozesses. Gleichzeitig war das Auf-den-Kopf-Stellen der Bildgegenstände eine Antwort auf die künstlerischen Debatten der 1960er-Jahre, in denen die Verfechter des "Informellen" gegen die des "Figurativen" kämpften. Baselitz bewies damit, dass Gegenständlichkeit im Bild und die Autonomie des Kunstwerks kein Widerspruch sein müssen.

vgl. Margarete Heck, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 280.

Bibliography
  • AK Düsseldorf u. a. 1989, S. 7
  • AK Albertina 2003 a, S. 7 f.
  • Schröder 2008, Nr. 280 (M. Heck)
  • AK: Baselitz. Preview With Review, Hungarian National Gallery, Budapest, hrsg. von Bódi Kinga, Abb.53 S.279
  • Provenance
  • 1982 erworben von der Galerie nächst St. Stephan, Wien

  • IIIF Logo IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/93646/ohne-titel-aktImage Request
    Last edited28.11.2024