David schlägt Goliath das Haupt ab (Studie für das Deckenfresko in den Loggien, Vatikan)
Raffaello Santi
1516-1518
Vorstudie für das Fresko "David erschlägt Goliath" im elften Joch der Loggien Raphaels. Für die traditionelle Zuschreibung an Raphael, die erst im späten 19. Jahrhundert angezweifelt wurde, ist zuerst Oberhuber (1966) wieder eingetreten. Die Zeichnung bildet gegenüber den anderen erhaltenen Entwürfen eine Ausnahme in zweierlei Hinsicht: Sie ist eine vorbereitende Studie, die erst später zu einem Modello ausgearbeitet wurde und ist in schwarzer Kreide gezeichnet, während die erhaltenen Modelli lavierte Federzeichnungen mit Weißhöhung bzw. reine Federzeichnungen sind. Durch die Kreide entsteht eine besonders weiche und malerische Wirkung, und durch den lebhaften Wechsel von Licht und Schatten und den fließenden Umriss kommt vor allem das Spontane der Bewegungen zum Ausdruck. Wie anschaulich macht Raphael durch wenige Schraffuren die beherzte Drehung des jugendlichen David, die sich sogleich durch das Licht, das ihn umströmt, mit dem Umraum verbindet. Goliath ist völlig zu Boden gedrückt, so dass ein letzter Rest des Widerstandes vergeblich ist. Oberhuber (1972) hat darauf hingewiesen, dass die Figuren aufgrund von Modellstudien entstanden sind, was an dem Studiogewand des fliehenden Philisters erkenntlich wird. Die Darstellung ausgefallener Bewegungen mit schwierigen Verkürzungen an kompositionell wichtigen Stellen machte für einige der Loggienbilder offensichtlich Detailstudien erforderlich, in denen sich Raphael auch mit Draperien und den Lichtverhältnissen beschäftigt hat, die für ihn immer von großer Bedeutung für den Gesamteindruck sind. Raphael hat in der Zeichnung nur die zentralen Motive wiedergegeben, durch die zugleich die beiden wesentlich Diagonalen gebildet werden, die in den Raum führen. Im Fresko wird der Fliehende stärker gedreht und dadurch eine der Diagonalen noch betont. Das Gewölbebild ist gegenüber der Zeichnung seitenverkehrt. Dies ist nicht ungewöhnlich für Raphael, der sich spätestens seit den Entwürfen zu den Teppichkartons mit der Umkehrung der Kompositionen befasste. Dabei könnten David und Goliath auf der Wiener Zeichnung aus einem Motiv in der Loggienszene "Josua bringt Sonne und Mond zum Stillstand" entwickelt sein, in der rechts unten zwei Kämpfende in derselben Richtung erscheinen. Man hat darauf aufmerksam gemacht, dass die Herkunft der David und Goliath-Gruppe weniger von #Michelangelos Zwickelfresko in der Cappella Sistina, als von antiken Motiven auf Herkulessarkophagen oder - noch überzeugender - von Mithras, der den Stier tötet, abzuleiten ist (vgl. Oberhuber 1972, S. 173; Andrus-Walck 1986, S. 361 f.). Im Fresko, das vermutlich #Perino del Vaga nach den heute verlorenen Modello gemalt hat (Oberhuber 1972, S. 160; Dacos 1977, S. 196), sind nun auch die weiteren Figuren eingefügt, der Körper Goliaths ist wesentlich kräftiger und greift ein etwas verändertes Schild, und der Fliehende ist in voller Rüstung dargestellt.
Raphael und der klassische Stil in Rom, Mantua/Albertina 1999, Abb. 105, S. 168.
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