Albrecht Dürer, Maria mit den vielen Tieren, Inv. Nr.: 3066
Maria mit den vielen Tieren
Albrecht Dürer, Maria mit den vielen Tieren, Inv. Nr.: 3066
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Maria mit den vielen Tieren

Albrecht Dürer

um 1506




Albrecht Dürers Maria mit den vielen Tieren zeigt Maria, die sich mit dem Kind auf einer Bank niedergelassen hat. Gerade noch in ihr Buch vertieft, wird sie von ihrem Kind unterbrochen, das sich weit zur Seite lehnt, um der Mutter eine Blume zu brechen. Der Ruheplatz liegt inmitten eines paradiesischen Gartens mit Blumen und einer Vielzahl von Tieren. Dort begegnen wir auch Joseph und werden Zeugen, wie Engel den Hirten die Geburt Christi verkünden. Schließlich sehen wir, wie der Zug der drei Könige am heiligen Ort eintrifft. Dürers Komposition steht in der Tradition des Hortus conclusus, eines mystischen spätmittelalterlichen Bildthemas, das in der Textstelle »Meine Schwester, liebe Braut, du bist ein verschlossener Garten, eine verschlossene Quelle, ein versiegelter Born« im Hohelied das Alten Testaments seine literarische Inspiration hat. Das von Dürer verwendete Papier trägt ein Wasserzeichen, das zwischen 1503 und 1507 in Oberitalien nachgewiesen ist. Deswegen könnte das Blatt um 1506 in Venedig entstanden sein, wo Dürer vielleicht eine Umsetzung als Gemälde plante.



Dürer’s Virgin with a Multitude of Animals shows Mary and the Christ Child resting on a bench. Immersed in the book in her lap, she is interrupted by the Child who has leaned out far to the side to break off a flower for his mother. This place of rest is located amidst a paradisiacal garden, awash in a sea of flowers and inhabited by numerous animals. We also encounter Joseph there and angels heralding the Birth of Christ to the shepherds. Finally, we see the procession of the Magi arriving at the holy site. Dürer’s composition stands in the tradition of the Hortus conclusus, a mystical theme of the Late Middle Ages whose literary inspiration goes back to the Song of Songs: “You are a garden locked up, my sister, my bride; you are a spring enclosed, a sealed fountain.” The paper on which Dürer made the drawing has a watermark that is documented in northern Italy between 1503 and 1507. The sheet could therefore have been made around 1506 in Venice, where Dürer was perhaps planning to realize the composition as a painting.



Künstler:in (Nürnberg 1471 - 1528 Nürnberg)
Dateum 1506
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesFeder in Schwarzbraun, Aquarell; feiner Linienraster in schwarzer Kreide vom Kopf der Madonna abwärts
Dimensions31,9 × 24,1 cm
Rahmenaußenmaß 60 × 50 × 4 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number3066
Markingsl.u. Herzog Albert von Sachsen-Teschen (Lugt 174)
WatermarkVogel im doppelten Kreis (wohl Briquet 12223 [nachgewiesen 1502-1507]; Strauss S. 3275 [verwendet 1503; offenbar ein italienisches Papier]; nicht bei Meder)
Text

Um 1503, etwa fünf Jahre nach Erscheinen des Kupferstiches "Maria mit der Meerkatze" (Inv. DG1930/1492), befasst sich Dürer nochmals mit der Gestaltung des Themas der Madonna auf der Rasenbank und greift auf die dort verwandte Madonnengestalt nach italienischem Ideal zurück. Nun allerdings strebt er eine Synthese der bisher erprobten Auffassungen oberrheinischer, niederländischer und italienischer Prägung an. Hinter dem intimen Andachtsbild entrollt er eine episch breite Simultanerzählung, die in ein an niederländische Weltlandschaften erinnerndes Panorama eingebettet ist. Ein minutiöser Realismus lässt noch in weiter Ferne einzelne Erzählbausteine der religiösen Historie um die Geburt Christi erkennen. "Tradition und Moderne, Gotik und Renaissance, Religion und Natur, Empfindung und Erfahrung verschmelzen zu vollendeter künstlerischer Harmonie" (AK Albertina 1985, Nr. 35).
Wie beim zeitgleich entstandenen "Großen Rasenstück" (Inv. 3075) ist die Natur wirklichkeitsnah geschildert. Doch trägt hier die mannigfaltige Vielzahl der Tiere und Pflanzen zum erzählerischen Charakter des Blattes bei. Jede Pflanze und jedes Tier bergen eine symbolische Bedeutung. Erdbeere, Iris und Pfingstrose weisen auf die Jungfräulichkeit Mariens hin, der angeleinte Fuchs verkörpert das gezähmte Böse. In ihrer Gesamtheit bringen Fauna und Flora die göttliche Schöpferkraft zum Ausdruck. Das Christuskind weist bedeutungsvoll auf den Storch, der Joseph gegenübergetreten ist. Inmitten der paradiesischen Idylle erscheint es zugleich als Gebieter über die Welt und als Überwinder des Bösen.
Während der Pfingstrosenstock auf den bewunderten #Martin Schongauer zurückgeht, waren einige der Tierstudien bereits in früheren Zeichnungen, Stichen oder Holzschnitten vorbereitet. Der kleine Hirschkäfer unten links wurde auf Dürers Gemälde der "Anbetung der Könige" (A 82) von 1504 in Florenz wiederverwandt und war auch Vorbild für die populäre, doch nicht einhellig Dürer zugeschriebene Einzelstudie im J. Paul Getty Museum, Malibu (W 370).
Ungeklärt bleibt die eigentliche Zweckbestimmung der Zeichnung. Die vielzähligen Bezüge und zwei weitere Versionen in Berlin und Paris (W 295, 297) sprechen für ein umfangreiches Ausloten der Komposition in Hinblick auf eine weiterführende Verwendung, vielleicht im Kupferstich oder im Gemälde. Allerdings gilt die Aquarellierung des Pariser Blatts als spätere Zutat. Auch das schwach sichtbare Raster auf der unteren Hälfte der Zeichnung mag von einem späteren Kopisten stammen. #Ägidius Sadeler beispielsweise fertigte einen Stich, #Jan Breughel schuf ein Gemälde nach der Zeichnung, heute im Palazzo Doria in Rom.

Albrecht Dürer, Ausstellungskatalog, hg. von K. A. Schröder und M. L. Sternath, Albertina, Wien 2003, Abb. 75, S. 280.

Albrecht Dürer hat sich Zeit seines Lebens mit marianischen Themen auseinandergesetzt. 1511 veröffentlichte er die umfangreiche Holzschnittfolge "Marienleben", nachdem er sich bereits um 1498 mit dem Kupferstich "Maria mit der Meerkatze" zu den seit dem Mittelalter tradierten Themen der Maria auf der Rasenbank oder Maria im Rosenhag geäußert hatte.
Die vorliegende Zeichnung entstand ebenfalls in Auseinandersetzung mit diesem Bildtypus, der vom Künstler nun in ein zeitgemäßes Gewand gekleidet wurde. Entscheidend für die neuartige Lösung dieses Themas dürfte Dürers um 1502/03 auftretendes, intensives Interesse an der Dienstbarmachung des Naturvorbildes für die Kunst gewesen sein.

Im Zentrum der Komposition sitzt Maria auf einer Holzbank mit dem Jesusknaben auf ihrem Schoß, inmitten einer paradiesischen Landschaft mit vielen verschiedenen Pflanzen und Tieren, während im Hintergrund die Geburt des Heilands zu sehen ist. Die Darstellung leitet sich von der spätmittelalterlichen Bildtradition des Hortus conclusus - des Gartens der Jungfräulichkeit - ab, der nun die ganze Welt in sich einschließt. Die verschiedenen Tiere und Pflanzen leben in Eintracht und Harmonie zusammen und spielen in ihrer Gesamtheit auf die göttliche Schöpfung an; einzeln bergen sie alle auch eine symbolische Bedeutung in sich: Der Fuchs an der Leine verkörpert das durch den Jesusknaben gezähmte Böse. Pfingstrose, Iris und Erdbeere verweisen auf die Unschuld Mariens. Eule, Hirschkäfer, Uhu und Papagei sind weitere Tiere mit auf den Erlösungs- und Heilsgedanken anspielender christlicher Symbolik. Im Hintergrund sieht man eine Gebirgslandschaft, die links zu einer an einem Meer gelegenen Stadt mit Hafen ausläuft. Dort ist gerade einer der Heiligen Drei Könige angekommen und macht sich mit seinem Zug auf die Reise zur Geburtsstätte Jesu. Dürer verlagert das biblische Geschehen in die Alpen, wo in einer Schlucht und auf einem Bergpass die Züge der anderen Könige zu erkennen sind, die vom Stern der Verkündigung, nahe dem oberen Bildrand, geleitet werden. Rechts im Hintergrund verkündet der Engel die Frohbotschaft an die Hirten, der Stall und davor Josef, rechts im Mittelgrund, leiten zur Vordergrundszene.

Dürer hat die Federzeichnung mit einem zarten Kolorit versehen, das durch seine Transparenz und Leichtigkeit eine strahlende Atmosphäre und Ausgewogenheit vermittelt. Harmonisch fügt sich das Blau des Himmels und des Meeres neben das Grün und Gelb der Vegetation in dem an Pflanzen und Tieren so reichen Garten. Rosa bleibt dem Inkarnat des Jesusknaben und der Madonna vorbehalten; ihr Gewand, das den weißen Ton des Papiers farblich in die Komposition miteinbezieht, erinnert noch einmal an die ursprünglich Bedeutung des geschlossenen Gartens als Hort der Jungfräulichkeit.
Dürer hat sich offenbar intensiv mit diesem Thema auseinandergesetzt, wie eine vorbereitende Zeichnung im Kupferstichkabinett in Berlin und eine Variante im Louvre bezeugen. Die Zeichnung der Albertina ist jedoch die ausgereifteste Lösung und mag ein Andachtsbild vorbereitet haben, das entweder niemals ausgeführt wurde oder verloren ist. Letztlich zeugen auch ein Gemälde von #Jan Brueghel, heute im Palazzo Doria in Rom, und ein auf dem Albertina-Blatt basierender Stich von #Ägidius Sadeler von der Vorbildhaftigkeit von Dürers innovativer Bildlösung.

Heinz Widauer, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 7.


Catalogue raisonné
  • Tietze/Tietze-Conrat 1933, 50
  • Winkler 296
  • Strauss 1503/22
  • Bibliography
  • AK Albertina 1971, Nr. 26
  • Klaus Ertz, Jan Brueghel der Ältere (1568-1625). Die Gemälde mit kritischem Oeuvrekatalog, Köln 1979, S. 439-440
  • AK Albertina 1985, Nr. 35 und S. 210 f.
  • Koreny 1985, S. 114-118
  • Barbara Butts, Albrecht Dürer or Hans von Kulmbach? Two Designs for Triptychs in the Albertina, in: Master Drawings, 23/24, Nr. 4, 1985/86, S. 517-526, hier S. 522 (vgl. Madonnentypus und Details sowie Kolorierung mit Albertina, Inv. 3120 und 3121)
  • Anzelewsky in Koreny 1986/87 (1989), S. 39f
  • Koreny 1991, S. 592, Abb. 14
  • Dessins de Dürer et de la Renaissance germanique, Ausst.-Kat. Louvre Paris, Paris 1991, S. 53-54, Nr. 38 (Emmanuel Starcky
  • zur Version in Paris, mit älterer Literatur)
  • Eisler 1991, S. 31-55, T. 2
  • AK Düsseldorf 1991, bei Nr. 20
  • Turner/Hendrix 1997, S. 180, Abb. 73 B
  • Stüwe 1997, S. 83
  • Dossi 1998, Tafel 3
  • AK Oslo 2002, Nr. 8
  • Dagmar Eichberger, Naturalia and Artefacta. Dürer's Nature Drawings and Early Collecting, in: Dagmar Eichberger und Charles Zika (Hrsg.), Dürer and his culture, Cambridge 1998, S. 13-37, 212-216, Abb. 2.10 und 2.11 (S. 33-34)
  • AK Albertina 2003, Nr. 75 (A. Scherbaum)
  • Scherbaum 2003
  • Susan Foister, Dürer and the Virgin in the Garden, London 2004, S. 20, 24
  • AK Madrid 2005, S. 128-129, Nr. 19 (A. Scherbaum)
  • Schröder 2008, Nr. 7 (H. Widauer)
  • Kayo Hirakawa, The Pictorialization of Dürer’s Drawings in Northern Europe in the Sixteenth and Seventeenth Centuries (Europäische Hochschulschriften XXVIII/434), Bern u. a. 2009, S. 110, 116, 119
  • Strieder 2012, S. 200-201
  • AK Washington 2013, S. 132-133, Nr. 36 (A. Scherbaum)
  • Andrea Bubenik, Reframing Dürer. The Appropriation of Arts, 1528-1700, Farnham 2013, S. 107-109
  • Jardins, Ausst.-Kat. Grand Palais Paris, Paris 2017, S. 50, Cat. 2 (Christof Metzger)
  • Michael Roth u.a. (Hg.), Maria Sibylla Merian und die Tradition des Blumenbildes, München 2017, S. 44, Abb. 4
  • Albertina, Meisterzeichnungen: Dürer bis Michelangelo, hrsg. von Klaus Albrecht Schröder, Bad Vöslau: Grasl Druck & Neue Medien 2003, Abb.3
  • AK Albrecht Dürer, Albertina, Wien 2019, S. 451, Kat. 60
  • Provenance
  • Kaiser Rudolf II.
  • Kaiserliche Schatzkammer
  • seit 1783 Kaiserliche Hofbibliothek
  • 1796 an Herzog Albert von Sachsen-Teschen
  • (Kein Hinweis auf Hofbibliothek im Alten Cahier III)
  • Online resources
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    Last edited24.01.2025