Jesus nimmt das Kreuz auf seine Schultern (Karton zur zweiten Station der Kreuzwegfresken in der Pfarrkirche St. Johann Nepomuk, Wien II)
Josef von Führich
1843/44
Bei den Synoptikern Matthäus, Markus und Lukas wird nur berichtet, dass Jesus zur Kreuzigung abgeführt wurde. Lediglich das Johannes-Evangelium erwähnt ausdrücklich das Tragen des Kreuzes: „Er trug selbst sein Kreuz und ging hinaus“ (Jo 19, 17).
Die zweite Station ist neben der abschließenden Grablegung die einzige innerhalb des gesamten Zyklus’, die den durchgehenden Bewegungssog der figuralen Szenerie durchbricht. Christus schreitet nicht, wie in den übrigen Stationen, nach links, sondern sein flehend zum Himmel gerichteter Blick sowie seine Gestik, die demutsvoll das Kreuz annimmt, ist in die entgegen gesetzte Richtung orientiert. Damit verleiht Führich dieser inhaltlich zentralen Szene, die den Beginn des Leidensweges markiert, ein besonderes Gewicht.
Nicht nur die Anordnung der Figurenszenerie auf der vordersten Bildebene, sondern auch die orientalisch-kubischen Architekturformen sowie die dahinter liegenden Gebirgssilhouetten knüpfen unmittelbar an die erste Station mit der Handwaschung des Pilatus an und fassen diese zu einer räumlichen Einheit zusammen. Auch die links seitlich positionierte offene Säulenhalle, in der einige Gestalten das Schauspiel verfolgen, entspricht kompositorisch den rechts seitlich aufragenden, auf hohen Sockeln ruhenden mächtigen Säulen hinter Pilatus in der ersten Szene.
Joseph Führich - Die Kartons zum Wiener Kreuzweg, Ausstellungskatalog, hg. von K. A. Schröder, Albertina, Wien 2005, S. 55.
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