Hans Wechtlin, Muttergottes mit Kind, Inv. Nr.: DG1949/645
Muttergottes mit Kind
Hans Wechtlin, Muttergottes mit Kind, Inv. Nr.: DG1949/645
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Muttergottes mit Kind

Hans Wechtlin

um 1510-1512




Künstler:in (Straßburg um 1480/85 - 1520 tätig)
Dateum 1510-1512
Object TypeDruckgraphik
Object typePrint
Materials / TechniquesClair-obscur-Holzschnitt in zwei Platten (graugrün)
DimensionsBlatt: 27 x 18,5 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object numberDG1949/645
Signedl.o. in der Tafel "Io V [dazwischen zwei gekreuzte Pilgerstäbe]"
WatermarkWasserzeichen
Text

Die Darstellung der Muttergottes mit Kind auf diesem Clair-obscur- Holzschnitt ist besonders wegen ihrer doppelten architektonischen Rahmung außergewöhnlich. Der innere tabernakelartige Rahmen mit flankierenden Säulen ist in Renaissanceformen gehalten. In dessen Mitte ist die streng und hieratisch anmutende Muttergottes wie ein verehrungswürdiges Kultbild aufgestellt. Sie steht in geringfügigem Abstand vor dem neutralen schwarzen Hintergrund, der als rückwärtige Wandfläche gedeutet werden kann. Die äußere Umfassung wird aus denselben vier einzelnen Rahmenleisten mit spätgotischem Maßwerk und Rankenwerkdekor gebildet, die Wechtlin auch für die Kreuzigung Christi (Inv. DG1949/643) verwendet hat. Lediglich die beiden seitlichen Leisten sind vertauscht, weswegen sich kein schlüssiger Übergang zu den Rankenenden in der Abschlussleiste unterhalb ergibt, auf der ein verkürzter Steinsockel mit zwei sich darauf tummelnden Engelsgestalten erscheint. Auf einem anderen Exemplar dieser Darstellung in der Albertina (Inv. DG1949/646) ist die äußere Rahmung durch vier andere Leisten ersetzt, die einen architektonisch- skulpturalen Dekor in reinen Renaissanceformen zeigen. Dessen oberes Kompartiment mit einer Muschel und zwei Trompeten blasenden Putten und dessen unteres Segment mit Akanthusdekoration verwendete Wechtlin auch für den Sebastian (Inv. DG1949/648). Wie F. Winkler (1951) gezeigt hat, lag Wechtlins halbfiguriger Mariengestalt die sogenannte Haller-Madonna (Wien 2013, Abb. 13) von Albrecht Dürer (National Gallery of Art, Washington) zugrunde. Es ist eines der am stärksten von italienischen Einflüssen geprägten Dürer-Bilder von ca. 1498, das lange Zeit als ein Werk von Giovanni Bellini galt (vgl. Nürnberg 2002, S. 334f., Kat. 53). Da in Wechtlins Holzschnitten durchgehend Einflüsse Dürers, insbesondere von dessen Werken aus den späten 1490er Jahren feststellbar sind, hat man früher sogar auf eine Tätigkeit in der Werkstatt des Meisters geschlossen (vgl. Röttinger 1907, S. 49f.). Ein direkter persönlicher Kontakt ist zwar möglich, aber ebenso wie ein unmittelbares Schülerverhältnis nicht nachzuweisen (siehe hierzu zuletzt Klein 2006–2007, Bd. 1, S. 57ff.). Wechtlin folgt in dem Clair-obscur-Holzschnitt der Haller-Madonna recht getreu, wählt aber einen engeren Bildausschnitt und verzichtet auf das Fenster mit Landschaftsausblick. Zudem löst sich das Christuskind stärker von der Madonna und setzt das linke Bein zum Laufen an, womit Wechtlin stärker italienischen Beispielen zu folgen scheint. In einer Zeichnung Raphaels in der Albertina (Inv. 206r) und in einer Kopie in den Uffizien nach einer verlorenen Zeichnung des Urbinaten (Fischel 1923, Abb. 121) erscheint Christus in einer entfernt vergleichbaren Haltung. Derartige Zeichnungen konnte Wechtlin aber nicht kennen, und somit muss eine andere Vorlage wirksam gewesen sein. Die raffinierte technische Ausführung des Blattes ist hier vor allem an der differenzierten Ausarbeitung der Detailformen festzustellen. Bei der Gestalt Mariens fällt die plastische Geschlossenheit ins Auge, die im Übrigen alle religiösen Szenen in dieser Reihe kennzeichnet. Durch reiche Lichthöhung und die Beschränkung der schwarzen Strichplatte auf einige wenige Akzente gelingt es dem Meister, das Gewand der Madonna mit einem prachtvollen Glanz zu überziehen. Bei Ritter und Landsknecht erzielt Wechtlin noch nicht diese Wirkung, da die Glanzlichter linearer aufgefasst sind und sich noch wenig harmonisch mit der Farbe und den schwarzen Strichen der Linienplatte verbinden. Die Muttergottes mit Kind dürfte somit etwas später entstanden sein.

 AK: Achim Gnann, In Farbe! Clair-obscur-Holzschnitte der Renaissance. Meisterwerke aus der Sammlung Georg Baselitz und der Albertina in Wien, München 2013, Abb. 20, S. 70.

Literatur: Loedel 1863; Nagler 1858–1879, Bd. 4, 1871, S. 74, Nr. 3 (Hans Ulrich Pilgrim?); Seibt 1891, S. 31; Reichel 1926, Taf. 18; Geisberg 1930, Nr. 1486; Winkler 1951; Karlsruhe 1959, Nr. 341; Geisberg und Strauss 1974, Bd. 4, S. 1448; The Illustrated Bartsch, Bd. 13, S. 29; Hébert 1982, Nr. 1405; Klein 2006–2007, Bd. 1, S. 25ff., Bd. 2, Ill. 45

Catalogue raisonné
  • Bartsch VII.450.3 (J. U. Pilgrim)
  • Geisberg 1486
  • Le Blanc IV.196.6
  • Bibliography
  • Achim Gnann, AK, In Farbe! Clair-obscur-Holzschnitte der Renaissance. Meisterwerke aus der Sammlung Georg Baselitz und der Albertina in Wien, München 2013, S. 70-71, Nr. 20
  • Provenance
  • Hofbibliothek

  • IIIF Logo IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/en/objects/102965/muttergottes-mit-kindImage Request
    Last edited16.08.2023

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