Hans Weiditz, Christus in der Rast, Inv. Nr.: DG1949/417
Christus in der Rast
Hans Weiditz, Christus in der Rast, Inv. Nr.: DG1949/417
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Christus in der Rast

Hans Weiditz

1524




Künstler:in (Straßburg um 1500 - 1536 Freiburg i. Br.)
Date1524
Object TypeDruckgraphik
Object typePrint
Materials / TechniquesClair-obscur-Holzschnitt in zwei Platten (braunorange)
DimensionsBlatt: 28,2 x 19,8 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object numberDG1949/417
InscribedAufschrift r.: "ECCE HOMO"
Text

Das Pendant zum vorhergehenden Clair-obscur-Holzschnitt Christus als Schmerzensmann (Wien 2013, Kat. 24) ist die Darstellung des »Christus im Elend« oder »in der Rast«, die häufig in der Plastik, seltener in der Graphik und Malerei, vorkommt. Das Bildmotiv zeigt den auf einem Fels oder seinem Kreuz sitzenden Christus, der meist mit einem Lendentuch bekleidet ist und als Zeichen der Geißelung eine Rute, Peitsche oder wie in dem vorliegenden Blatt ein Schilfrohr hält. Er durchlebt in Gedanken in diesem letzten Moment der Ruhe nochmals alle Qualen, die er während der Geißelung, Verspottung und des Kreuzwegs erlitten hat (Surmann 1991, S. 29). Während der Heiland üblicherweise das Haupt in die Hand stützt oder mit seinen Händen eine Gebärde des Gefesseltseins vollzieht, greift er in dem Clair-obscur-Holzschnitt mit seiner Hand an die blutende Seitenwunde. Auch die Füße zeigen die Wundmale. Es kommt in der Darstellung somit zu einer Verschmelzung des Motivs »Christus in der Rast« mit dem Bildgedanken des »Schmerzensmanns«, denn Christus ruht nicht vor seiner Kreuzigung aus, sondern hat sein Martyrium bereits erlitten. Er hat den gesamten Leidensweg bis zum Tod durchschritten und weist nun eindringlich auf das Blut, das er durch sein Opfer für die Menschheit vergossen hat. Dürer zeigt im Übrigen Christus in der Rast ebenfalls mit Wundmalen in dem Titelholzschnitt zur Kleinen Passion von ca. 1511 (B. 16) oder in seiner 1515 datierten Eisenradierung (B. 22).

Das vorliegende Blatt ist ein Andachtsbild, das den Betrachter auf eindringliche Weise zum Mitfühlen und Mitleiden, zum Hineinvertiefen in die Passion des Erlösers anregt. Es fand als Flugblatt gewiss in weiten Kreisen der Bevölkerung Verbreitung. Die Darstellung existiert auch als reiner Holzschnitt mit Textzeilen am unteren Rand, die mit den Worten »Du unschuldiges Lamb Gottes« beginnen (Geisberg und Strauss 1974, S. 1462). Vermutlich wurde die Tonplatte erst später hinzugefügt, da in dem hier ausgestellten Blatt Ausbrüche bei den Buchstaben des »ECCE HOMO« festzustellen sind, die im reinen Holzschnitt noch fehlen. Der Clair-obscur könnte zur gleichen Zeit wie der 1522 datierte Schmerzensmann (Kat. 24) entstanden sein, der Holzschnitt wurde aber möglicherweise einige Jahre zuvor geschnitten.

J.-D. Passavant hielt das Blatt für das Werk eines oberdeutschen Künstlers. Laut H. Röttinger steht es nicht auf der Höhe der Arbeiten von Hans Weiditz, dem es M. Geisberg oder W. L. Strauss hingegen zugeschrieben haben. Meines Erachtens zeigt es den gleichen kantig- expressiven Holzschnittstil wie der Schmerzensmann, wobei der Meister beim Christus in der Rast nun auch sich überkreuzende Linien verwendet. Stilistisch bestehen enge Bezüge zu den beiden Holzschnitten Christus am Ölberg und Pietà, die unter anderen M. Geisberg (1930, Nr. 1499, 1502) ebenfalls für Werke von Hans Weiditz hält. Weiditz ist bekannt als Zeichner zahlreicher Pflanzenabbildungen in dem Kräuterbuch Herbarum vivae eicones von Otto Brunfels, das in dem Straßburger Verlag von Johann Schott 1530 bis 1536 erschien (vgl. Landau und Parshall 1994, S. 247ff.). H. Röttinger (1904) hatte geschlossen, dass Weiditz auch der Autor eines umfangreichen Holzschnittwerks gewesen sei, das man bislang dem sogenannten Petrarca-Meister zugeschrieben hatte. Die Arbeiten des Petrarca- Meisters umfassen eine Anzahl an Einzelholzschnitten und Hunderte von Buchillustrationen, die in den Jahren 1514 bis 1522 in Augsburg gezeichnet, zumeist aber erst nach 1530 gedruckt wurden (Musper 1927, S. 11). Der Notname rührt von den 261 Illustrationen in dem zweibändigen Trostspiegel Petrarcas her, von denen zwei Blätter das Datum 1519 bzw. 1520 tragen (das Buch erschien aber erst 1532). Nun kennzeichnet diesen Meister eine sehr variable, schwingende, sich zu Kringeln verformende Linienführung, mit der er die Illustrationen dicht ausfüllt und durch eine große Menge an Details erzählerischen Reichtum entfaltet. Seine Figuren wirken zart und zerbrechlich, ihre Bewegungen tastend und zögerlich. Das zarte, die gesamte Komposition harmonisch durchwaltende Liniengefüge des Petrarca-Meisters ist kaum vereinbar mit dem kraftvoll-expressiven, fast roh anmutenden Stil der beiden Darstellungen des Schmerzensmanns. Ferner ist es schwer, direkte Parallelen zu den Pflanzenillustrationen von Weiditz in dem Kräuterbuch des Otto Brunfels festzustellen, weshalb die Zuschreibung der beiden hier vorgestellten Blätter an Hans Weiditz nochmals genauer untersucht werden müsste.

 AK: Achim Gnann, In Farbe! Clair-obscur-Holzschnitte der Renaissance. Meisterwerke aus der Sammlung Georg Baselitz und der Albertina in Wien, München 2013, Abb. 25, S. 80.

Literatur: Röttinger 1924, S. 35 (nicht von Weiditz); Geisberg 1930, Nr. 1501; Paris und Rotterdam 1965–1966, Nr. 38; Strauss 1973, Nr. 42a; Geisberg und Strauss 1974, S. 1462

Catalogue raisonné
  • Heinrich Röttinger, in: Mitteilungen der Gesellschaft für vervielfältigende Kunst 1924, p. 35
  • Geisberg 1501
  • Passavant III.199.233
  • Bibliography
  • Christoph Geissmar-Brandi und Eleonora Louis (Hrsg.), AK Glaube, Hoffnung, Liebe, Tod, Kunsthalle Wien und Albertina Wien 1995, S. 90-91 (Robert Scribner), 96-97 (Mikinosuke Tanabe)
  • Achim Gnann, AK, In Farbe! Clair-obscur-Holzschnitte der Renaissance. Meisterwerke aus der Sammlung Georg Baselitz und der Albertina in Wien, München 2013, S. 80-81, Nr. 25
  • Provenance
  • Hofbibliothek
  • Online resources
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    Last edited02.09.2024