Zwei Birken, die vordere umgebrochen
Nicolas Poussin
um 1629
Wie Claude Lorrain verbrachte auch Nicolas Poussin beinahe sein ganzes Leben in Rom. Obwohl sein Hauptinteresse der »Historie« – klassischen Figurenkompositionen in mythologischen oder religiösen Szenen – galt, nimmt die Landschaft in seinem Œuvre einen bedeutenden Stellenwert ein. Die in kühner Untersicht wiedergegebenen Bäume des Blattes Zwei Birken zählen zu seinen effektvollsten Naturstudien. Virtuos sind die Stämme mit Licht und Schatten modelliert. Derartige Studien dienten Poussin als Formenrepertoire, auf das er bei Bedarf für seine Gemäldekompositionen zurückgreifen konnte.
1612 folgte Poussin dem aus Amiens stammenden Wandermaler #Quentin Marin, der 1611/12 in Les Andelys tätig war, nach Paris, wo er die Werke der Meister der 2. Schule von Fontainebleau wie #Dubois und #Fréminet, aber auch jene der flämischen Manieristen wie z. B. #Goltzius kennen lernt. Von großer Bedeutung für seine Kunst waren jedoch vor allem die Antike und #Raphael, die Poussin in den königlichen Sammlungen studieren konnte. Er arbeitete 1622 für die Königin #Maria von Medici im Palais du Luxembourg, wo er mit dem italienischen Dichter #Gian Battista Marino bekannt wurde, der Poussins klassische Bildung wesentlich förderte. 1624 folgte er Marino nach Rom, der ihn in die Kreise des Kardinals #Francesco Barberini und des Mäzens #Cassiano del Pozzo einführte. 1630 kam er auf Drängen König #Ludwig XIII. nach Paris zurück, um als "Premier Peintre" die Dekoration der Grande Galerie des Louvre und andere höfische Aufgaben auszuführen. 1642 kehrte er dann endgültig nach Rom zurück.
Obwohl Poussins Hauptinteresse vor allem der "Historie" galt - klassischen Figurenkompositionen nach raphaeleskem Vorbild in mythologischen oder religiösen Szenen -, nimmt die Landschaft in seinem Œuvre einen bedeutenden Stellenwert ein. Wie #Claude Lorrain, der wichtigste Vertreter der idealen Landschaftsmalerei (siehe Inv. 11501, Inv. 11507, Inv. 11511, Inv. 11513, Inv. 11522, Inv. 11529 ), verbrachte auch Poussin beinahe sein ganzes Leben in Rom und betrieb Studien nach der freien Natur. Die römische Campagna mit ihren sanften Hügelketten, lieblichen Flusstälern, monumentalen Bergstädten, pittoresken Kastellen und Ruinen entsprach der Vorstellung von einer harmonisch vollendeten Landschaft in geradezu idealer Weise.
Die Albertina besitzt zwölf eindrucksvolle - wenn auch in der Literatur (Rosenberg/Prat 1994; AK Bilbao/New York 2007/08) immer wieder abschlägig diskutierte - Landschaftsstudien von Poussin.
Die um 1629 entstandenen, in kühner Untersicht wiedergegebenen "Zwei Birken" zählen zu Poussins effektvollsten Naturstudien. Obwohl die Zeichnung monochrom und mit größter Ökonomie ausgeführt ist, suggeriert das virtuos abgestufte Licht-und-Schatten-Spiel sowohl den räumlich-körperlichen Eindruck der Stämme als auch die atmosphärische Stimmung. Derartige Studien dienten Poussin als Formenrepertoire, auf das er je nach Bedarf für seine Gemäldekompositionen zurückgreifen konnte.
Christine Ekelhart, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 110.
IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/en/objects/12689/zwei-birken-die-vordere-umgebrochenImage Request