Studie zu einem Frauenkopf (Fernande Olivier)
Pablo Picasso
1909
Die Jahre 1906 bis 1908 waren nach der Blauen und Rosa Periode 1901 bis 1906 für Picasso Jahre des Umbruchs. Er beschäftigte sich mit der Kunst Schwarzafrikas und Ozeaniens sowie dem Werk #Cézannes. Den Höhepunkt dieser Auseinandersetzung bildet das Gemälde "Demoiselles d'Avignon" von 1907, das gleichzeitig auch als Ausgangspunkt des Kubismus bezeichnet werden kann. Ab diesem Zeitpunkt begann Picasso, die Gegenstände auf ihr Wesen hin formal zu analysieren und mehransichtig zu erfassen. Die radikale Dekonstruktion traditioneller Bildformen setzt dann im Sommer 1909 in dem spanischen Bergdorf Horta de Ebro ein: In zahlreichen Kopfstudien seiner Lebensgefährtin #Fernande Olivier lässt sich das "Zertrümmern" des herkömmlichen Volumen- und Massebegriffs und das Aufsplittern der Oberfläche in Facetten schrittweise nachvollziehen. Die organische Form ist einer Geometrisierung der Figur und ihrer Zerlegung in einzelne Felder gewichen, die, von geraden Linien, konkaven und konvexen Kurven umgrenzt, rhythmisch vor- und zurücktreten. In ihrer konsequenten Straffung und Systematisierung formaler Strukturen geht diese Phase den Hauptwerken des analytischen Kubismus der Jahre 1910 und 1911 voran.
Nach seiner Rückkehr nach Paris modelliert Picasso im Herbst 1909 den Kopf von Fernande als Skulptur (Spies 2000, Nr. 24). Sie ist das Resultat seiner künstlerischen Überlegungen in Horta de Ebro. In ihr werden die bildlichen Lösungen gleichsam in der dritten Dimension überprüft. Das plastische Volumen des Kopfes setzt sich aus Formsegmenten in verschiedenen Winkeln rhythmisch zusammen, ein System, das man auch bei afrikanischen Masken findet, deren Faszination Picasso zeitlebens begleitet hat.
Diese Konstruktionsprinzipien finden ihren künstlerischen Niederschlag in dem kurz danach entstandenen Gemälde "Sitzende Frau" (Van Abbemuseum, Eindhoven; Zervos, Bd. 2*, Nr. 197). Die Zeichnung der Albertina sowie eine weitere im Musée Picasso, Paris (Zervos, Bd. 26, Nr. 414), gehen diesem Bild als unmittelbare Studien voran. Mit dem bereits in der Skulptur entwickelten Typus der Frisur mit der charakteristischen keilförmigen Stirnlocke nimmt das Albertina-Blatt direkt darauf Bezug. Parallelen finden sich auch in den scharfkantigen Linien, die den Nacken schartig akzentuieren und die einzelnen Partien des Gesichts zu kristallinen Gebilden meißeln. Die schraffierten Schattierungen der Zeichnung setzen ebenso die Schatten der dunklen Hohlräume der Skulptur flächig um, wie sie bereits den Effekt der dunklen Farbfelder des Ölbildes und die damit angedeutete Tiefenillusion vorwegnehmen.
Christine Ekelhart, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 192.
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