Abraham opfert Isaak
Antonio da Trento
um 1524-1527
Die Komposition folgt der bekannten alttestamentarischen Schilderung (Gen. 22,1–19), der zufolge Gott Abraham auf die Probe stellte, ob dieser bereit wäre, seinen einzigen Sohn zu opfern. Das göttliche Eingreifen im letzten Moment vor Ausführung der Tat veranschaulicht die Darstellung im Holzschnitt durch das Innehalten Abrahams und die abrupte Drehbewegung seines Kopfes in Richtung der himmlischen Erscheinung. Diese ist nur durch den Lichtstreifen angedeutet, der Engel selbst erscheint nicht. Gegenüber dem kleinen, zartgliedrigen Sohn wirkt die kräftige Gestalt des Vaters noch machtvoller, und die Dramatik der Handlung wird weiter gesteigert durch die Entschiedenheit Abrahams, den Willen Gottes auszuführen. Diese Wirkung unterstreichen die markanten, fast grob geschnittenen Linien, die anmuten, als habe das spröde Holz dem Willen des Formschneiders einen Widerstand entgegensetzen wollen. A. Bartsch äußerte zuerst die Ansicht, der Entwurf für die Darstellung gehe auf Parmigianino zurück. Dies ist gewiss zutreffend, wenngleich sich keine Vorzeichnung des Künstlers erhalten hat. Parmigianesk ist die gedehnte Haltung Abrahams sowie das Motiv des schwungvoll herabwallenden, sich kunstvoll einrollenden Mantels. Ferner ist die Beinstellung und Körperbewegung mit der des Schergen im Vordergrund von Parmigianinos Zeichnung Martyrium der Heiligen Petrus und Paulus im British Museum (Wien 2013, Abb. 38) verwandt (Gnann 2007, Kat. 205), die Gian Giacomo Caraglio gegenseitig gestochen hat. Parmigianinos Entwurf lässt sich in die römische Zeit um 1524 bis 1526 datieren, und in diesen Jahren könnte auch die Vorlage für das Blatt Abraham opfert Isaak entstanden sein. Der Künstler ließ sich möglicherweise kompositionell von Raphaels verschiedenen Darstellungen des Isaak-Opfers im Deckenfresko der Stanza di Eliodoro, in einer Rötelzeichnung im J. Paul Getty Museum, die Agostino Veneziano gleichseitig gestochen hat (Mantua und Wien 1999, Nr. 93–94), sowie in der Sockelszene im vierten Joch der vatikanischen Loggien anregen (Dacos 1986, Tav. CXXXVIII). Raphael zeigt allerdings in diesen Bildern die Gestalt Abrahams in Vorderansicht und fügt auch den Engel hinzu. Er verdichtet die Handlungsmomente zu einem simultanen Ereignis, wohingegen bei Parmigianino das rettende Eingreifen Gottes nur durch das Licht erahnt werden kann, das sich vom Himmel über die Gestalten ausbreitet. A. Bartsch hielt das Blatt für das Werk eines anonymen Formschneiders, doch ist die von E. Kolloff, L. Servolini oder zuletzt K. Zeitler vertretene Zuschreibung an Antonio da Trento gewiss richtig. Für Antonio spricht eindeutig die Dominanz des Linearen bei der Gestaltung der Formen, die mit keinesfalls gleichförmigen, sondern variiert geschnittenen, höchst lebendig anmutenden Strichen umrissen werden. Seinen Stil verraten auch die langen, schräg ansteigenden Schraffuren, die sowohl bei der Andeutung des Terrains und Verschattung des Opferaltars als auch bei der Modellierung der Gliedmaßen Verwendung finden. Enge Bezüge bestehen zu Antonios Hl. Cäcilie und den beiden Clair-obscurs mit Darstellungen der Circe (Albertina, Inv. DG1130 und Inv. DG2002/507, Inv. DG2002/510). Die Art, wie bei den Wolken die schwarze Umrandung von den weißen Linien der Lichthöhung abgelöst wird, findet sich ebenso bei Antonios Blatt Augustus und die Tiburtinische Sibylle (Albertina, Inv. DG2002/527 und Inv. DG.2002/528). W. H. Trotter hat bereits auf die Nähe zu den wohl ebenfalls von Antonio stammenden Holzschnitten hingewiesen (Albertina, Inv. DG2002/486 und Inv. DG2002/514), die nach Parmigianinos von A. E. Popham als Metallstiftserie bezeichneten Zeichnungen mit allegorischen und mythologischen Inhalten entstanden. In diesen Holzschnitten kehren vor allem die unregelmäßigen, klecksartigen, zumeist ausfransenden Lichthöhungen wieder, die auch in dem Blatt Abraham opfert Isaak zu finden sind. Niccolò Vicentino kommt als Autor nicht in Frage, da in dessen Clair-obscur-Holzschnitten die Bewegungen fließender, die Figuren geschmeidiger sind, geradezu verformbar anmuten und keinen festen inneren Kern besitzen.
Weitere Exemplare dieses Clair-obscur-Holzschnitts befinden sich in der Albertina, Inv. DG1159, Inv. DG2002/410.
Literatur: Baseggio 1844, S. 20, Nr. 3 (Niccolò Vicentino); Kolloff 1878, S. 152, Nr. 1; Servolini 1932, S. 60; Zava Boccazzi 1962, S. 59, Nr. 10; Paris und Rotterdam 1965– 1966, Nr. 39 (anonym); Trotter 1974, S. 201f.; Karpinski 1983, S. 13; München und Frankfurt 2007–2008, Kat. 60 (Text v. K. Zeitler)
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