Kopf
Maria Lassnig
1963
Die österreichische Künstlerin Maria Lassnig war eine der ersten Frauen, die sich in ihrem Werk intensiv dem Körperlichen zuwandte. Durch ihre Konzeption des "Body Awareness Painting" - der Übersetzung von körperlichem Empfinden mittels eines langsamen, introspektiven Malaktes auf die Bildoberfläche - nimmt sie eine Schlüsselposition für die nachfolgende Künstlerinnengeneration ein. Das Aquarell bietet Lassnig die Möglichkeit, in kleinem Format Neues zu erproben und auf seine Bildwirksamkeit zu prüfen (AK Bern u.a. 1995, S. 12). Gleichzeitig behaupten sich Lassnigs Aquarelle aber als eigenständige Werkkonzeptionen, die eine Funktion als Vorstudien für Gemälde weit hinter sich zurücklassen.
Das Blatt mit dem Titel "Kopf" entstand 1963, zwei Jahre nach Lassnigs Übersiedlung von Wien nach Paris. Das in kräftigen Rot-, Rosa- und Violetttönen gehaltene Motiv stellt die Kopfform eines hybriden Mischwesens dar. Die befremdlich wirkende Physiognomie legt sich nicht zwischen Mensch, Tier und künstlichem Wesen fest. Die exakt gesetzten Pinselstriche und klaren Umrisslinien weisen darauf hin, dass die Künstlerin bereits ein vorgeformtes Bild vor Augen hat, bevor sie zu dessen Umsetzung schreitet. Aus wenigen, unterschiedlich stark schattierten Flächen baut Lassnig ein plastisches Gebilde, das beinahe die Grenzen des Blattes zu sprengen droht. Durch die Wiedergabe in markanter Untersicht wird zusätzlich die Monumentalität des Kopfes erhöht. Lassnig verzichtet auf alle veränderlichen physiognomischen Kennzeichen, wie etwa Haare, Augenbrauen oder Hautstruktur, um gleichsam eine Schicht tiefer in die Körperwahrnehmung vorzudringen. Der Kopf weist außer den Nasenlöchern keine Körperöffnungen auf, vor allem verschließen sich aber die Augen gegenüber jeder außerbildlichen Realität. "Kopf" von 1963 gehört zu jener Gruppe von Werken, in denen Lassnig erstmals eine Synthese von gefühlter Selbstwahrnehmung mit einem der äußeren Wirklichkeit entlehntem Formenvokabular vorführt. Trotz der realistischen Anklänge verschreibt sich Lassnig ganz einer Thematisierung der Innenwelt.
vgl. Christina Natlacen, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 265.
