Das Geschrei des Eichelhähers
Maria Lassnig
1982
Rahmenaußenmaß 86 × 68,3 × 4 cm
Die österreichische Künstlerin Maria Lassnig war eine der ersten Frauen, die sich in ihrem Werk intensiv dem Körperlichen zuwandte. Durch ihre Konzeption des "Body Awareness Painting" - der Übersetzung von körperlichem Empfinden mittels eines langsamen, introspektiven Malaktes auf die Bildoberfläche - nimmt sie eine Schlüsselposition für die nachfolgende Künstlerinnengeneration ein. Das Aquarell bietet Lassnig die Möglichkeit, in kleinem Format Neues zu erproben und auf seine Bildwirksamkeit zu prüfen (AK Bern u.a. 1995, S. 12). Gleichzeitig behaupten sich Lassnigs Aquarelle aber als eigenständige Werkkonzeptionen, die eine Funktion als Vorstudien für Gemälde weit hinter sich zurücklassen.
Nach einer Schaffensphase von mehr als fünfzehn Jahren, in der das Aquarell nur eine untergeordnete Rolle spielt (AK Klagenfurt u.a. 1988, S. 14), wendet sich Maria Lassnig um 1980 erneut dieser Technik zu. Das "Geschrei des Eichelhähers" von 1982 stellt nun die sichtbare Wirklichkeit ins Zentrum des künstlerischen Interesses. Das vorliegende Blatt ist Teil einer breit angelegten Serie von Selbstbildnissen mit Tieren (Inv. 46194). Die Künstlerin bildet sich mit Hilfe eines Spiegels in frontaler Ansicht mit einem Eichelhäher ab. Von der Person Lassnig ist nur das Gesicht und die im Vordergrund aufragende rechte Hand näher ausgeführt, während der Umriss ihres Körpers vage bleibt. Umso stärker tritt vor dem nicht definierten Hintergrund und dem schemenhaften Oberkörper der Vogel hervor. Das Moment des Schreis ist ein zentrales Motiv dieses Aquarells und wird in dem Selbstbildnis verdoppelt. Wie auch in anderen Beispielen dieser Serie fungiert hier das Tier als Ausdrucksträger von psychischer Befindlichkeit. Gefühle wie Furcht, Entsetzen oder Verzweiflung, die ursächlich mit dem Auslösen eines Schreis zusammenhängen, werden durch die analoge Darstellung von Tier und Mensch verstärkt. Das dramatische Moment des Schreis wird von Maria Lassnig noch um eine zweite Bedeutungsebene, die des Sexuellen, erweitert. Die sexuelle Dimension, die sich hier aus dem Aufeinandertreffen von phallisch konnotiertem Vogel und der weiblichen Hand ergibt, ist ein Leitmotiv in vielen von Lassnigs Selbstporträts mit Tieren.
vgl. Christina Natlacen, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 266.
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