Merkur und die Nymphen von Nysa
Louis de Boullogne d.Ä.
Entgegen dem Cahier, in dem keine auf de Ligne zurückgehende Provenienz vermerkt ist, findet sich eine "Boullongne (Louis) le père,de Paris" zugeschriebene Zeichnung dieses Sujets im von Bartsch (1794, p.338, Nr. 1) verfaßten Versteigerungskatalog der Sammlung de Ligne. Die hier vorgeschlagene zögerliche Zuschreibung des Blattes beruht nicht nur auf der von Bartsch angegebenen Zuordnung, sondern auch auf der links unten erkennbaren Bezeichnung in sehr alter Schrift (vermutlich aus dem 17. Jahrhundert). Diese merkt "Boullogne l'ainé" an und könnte den älteren Louis oder den älteren Bruder von Louis de Boullogne dem Jüngeren, Bon de Boullogne, meinen. Von diesem ist allerdings nur ein ihm mit Sicherheit zuschreibbares Blatt bekannt (siehe Rosenberg 1972, p. 139, Nr. 16), das sich allerdings mit dem vorliegenden keineswegs vergleichen läßt. Da wir aber von Bon de Boulogne keine weiteren Zeichnungen kennen und obwohl Schnapper (1978, p. 136) das Vorhandensein von Blättern dieses Künstlers in der Albertina ausschließt, wollen wir dessen Autorenschaft für dieses Blatt nicht ganz verwerfen. Doch glauben wir aufgrund eines stilistischen Vergleichs mit einer Zeichnung im Musée des Beaux-Arts in Angers (siehe die Abb. bei Loire [1997] 1998, p. 117, Abb. 25) im Zeichner dieses Blattes eher den Vater der Boullogne-Brüder erkennen zu können. Die Zeichnungen in Angers und in Wien teilen die über manche Figuren gelegte Diagonalschraffuren, die manchmal mehrfach gezogenen Konturlinien, ähnliche Kopfhaltungen und Gesten sowie die charakteristischen kürzelhaften Gesichtsmerkmale. Leider können wir kein nach der Albertina-Zeichnung ausgeführtes Werk nachweisen. Die Bestimmung des Sujets wird durch die noch unentschiedene Darstellung erschwert: Im oberen Anteil des Blattes lassen die das Jesuskind präsentierenden Engel eine visionäre religiöse Erscheinung vermuten (evtl. eine "Verkündigung an die Hirten"), im unteren Anteil weisen offenbar mythologische Figuren auf eine nachträgliche Veränderung des Themas zugunsten einer antiken Legende, wofür auch der wohl später links oben aufgeklebte Merkur spricht. Obwohl der kleine Bacchus nicht ausdrücklich erkennbar ist, könnte das ursprünglich beabsichtigte Jesuskind entsprechend umzuinterpretieren sein. Der kleine Bacchus wurde Ovids Metamorphosen zufolge (Metamorphosen 111, 314-315) von Merkur zur Erziehung zu den Nymphen des Gebirges von Nysa gebracht.
Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Heinz Widauer (Bearb.), Die französischen Zeichnungen der Albertina. Vom Barock bis zum beginnenden Rokoko. Beschreibender Katalog der Handzeichnungen in der Albertina, Bd. X, Wien/Köln/Weimar 2004, S. 22, Nr. 363.
IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/en/objects/22232/merkur-und-die-nymphen-von-nysaImage Request