Porträt eines Maître des requêtes
Anonym
Zu den Blättern F. 980 - F. 982 (Inv. 11919, Inv. 11923, Inv. 11925): Diese Zeichnungen scheinen uns trotz qualitätvoller Ausführung Werkstattarbeiten Rigauds zu sein. Diese Beurteilung wurde nicht zuletzt durch einen Vergleich dieser Blätter mit zwei Zeichnungen Rigauds (F. 976/Inv. 11920 und F. 977/Inv. 11929), die unserer Meinung nach zweifelsfrei von Rigaud ausgeführt wurden, getroffen. Im Unterschied zu den folgenden Blättern zeigen diese einen überzeugenderen Sinn für Stofflichkeit und eine qualitätvollere Modellierung, während die von uns als Werkstattarbeiten angesehenen Blätter, abgesehen von manchmal auftretenden kompositionellen Unschlüssigkeiten, eine im Gesamteindruck monotonere Porträtwiedergabe zeigen, die an Nachzeichnungen denken läßt.
Das Cahier identifiziert die dargestellte Persönlichkeit mit Jean Phélipeaux (1646 – 1711), einem Theologen, der sich ab 1696 in Italien aufhielt und sich den Quietisten anschloß, einer mystischen Bewegung des Katholizismus, die eine verinnerlichte, stark individuell geprägte Frömmigkeit mit passiver Grundhaltung anstrebte. Das Porträt des Albertina-Blattes zeigt jedoch vielmehr einen Mann der Tat, so daß es zunächst möglich scheint, daß im Cahier Jean Phélipeaux mit dessen Namensvetter Louis Phélipeaux, Comte de Pontchartrain (1643-1727) und zwischen 1690 und 1714 Staatskanzler von Frankreich, verwechselt wurde. Ein Porträtgemälde im Musée de Dijon des Louis Phélipeaux schließt aber eine solche Verwechslung aus; der dort Porträtierte ist in den Gesichtszügen zu hager, um mit der auf der Albertina-Zeichnung dargestellten Persönlichkeit ident zu sein. Von ähnlichen Porträts zu schließen, handelt es sich vermutlich um einen maître des requêtes, einen Hofbeamten, der Bittgesuche auf ihre Gesetzmäßigkeit überprüfte, bevor sie dem König vorgelegt wurden. Mangels Auffindung von mit dieser Zeichnung im Zusammenhang stehenden Reproduktionsstichen ist es nicht gelungen, eine definitive Identifizierung des Porträtierten vorzunehmen. Unserer Zeichnung am nächsten stehen ein Porträt des Nicolas Le Camus (1625 – 1715), prémier President de la Cour des Aides, im Städelschen Kunstinstitut in Frankfurt am Main (Inv.Nr. 1069, siehe Frankfurt am Main 1986/87, p. 76, Nr. 57, Abb. P. 75) und das auf Leinwand gemalte Porträt eines "Maître des requêtes" aus der Samuel Kress Collection, heute im El Paso Museum of Art (Inv.Nr. 61.1.58), in dem Président André Pierre Hébert (1637 – 1707) vermutet wurde (siehe New York 1994, pp. 205/206, Nr. 35).
Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Heinz Widauer (Bearb.), Die französischen Zeichnungen der Albertina. Vom Barock bis zum beginnenden Rokoko. Beschreibender Katalog der Handzeichnungen in der Albertina, Bd. X, Wien/Köln/Weimar 2004, S. 196, Nr. 981.
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