Allegorie der Luxuria
Antonio Pisano, gen. Pisanello
um 1425-1430
Der Maler und Medailleur Pisanello zählt zu den bedeutendsten Vertretern der oberitalienischen Renaissance. 1395 in Pisa geboren, kam er bereits als Kind nach Verona, wo er seine künstlerische Ausbildung erhielt. Er trat in engen Kontakt mit Stefano da Zevio und Gentile da Fabriano, dem er bei Arbeiten im Dogenpalast in Venedig half, und dessen Freskenzyklus in S. Giovanni in Laterano er vollendete. Sein Stil ist wesentlich von der internationalen Gotik geprägt, doch führte ihn ein intensives Naturstudium und sein Streben nach einer realistischen und detailgetreuen Wiedergabe in eine neue Richtung. Er war ein typischer reisender Hofkünstler, der in bedeutenden Städten Italiens wie Ferrara, Mailand, Mantua, Rom und Neapel tätig war. Durch seine Leistungen auf dem Gebiet der Medaille und seine vielen Zeichnungen nach der Natur nimmt er eine einzigartige Stellung in der italienischen Kunst ein.
Pisanellos liegender Frauenakt zeigt in der dekorativen Wiedergabe der Einzelmotive und der flächigen Anordnung des Körpers, dessen Bewegung einem durchlaufenden Schwung folgt, noch die Abhängigkeit von den Idealen des spätgotischen "Weichen Stils". Der ununterbrochene Fluss des Konturs fasst die Gestalt zu einer ornamentalen Form zusammen, die man treffenderweise mit einer gotischen Initiale verglichen hat. Dessen ungeachtet ist das Bestreben des Künstlers unverkennbar, den Körper zu artikulieren, die räumliche Lage der Gliedmaßen zu veranschaulichen und sogar die Muskulatur einzuzeichnen. Zugleich ist die Figur von einer ungezwungenen Lebendigkeit erfüllt. Auch die Strichführung veranschaulicht das Streben nach einer differenzierten Wiedergabe der Motive durch haarfeine, eng aneinandergrenzende Linien, die zu Rundungen ansetzten und sich verdichten, um die Formen plastisch herauszumodellieren. Das Blatt legt bereits Zeugnis ab für das charakteristische Naturverständnis, durch das sich Pisanello von den Malern der lokalen Veroneser Tradition und dem von ihm bewunderten #Gentile da Fabriano absetzt.
Die Frauengestalt wird aufgrund ihrer aufreizenden Nacktheit, lasziven Pose und unverhüllten Schönheit ihres Körpers gewöhnlich als "Luxuria", als Allegorie der Unzucht und Lüsternheit bezeichnet. Sie folgt nicht dem abschreckenden Typus der Skulpturen an südfranzösischen Kathedralen des 12. Jahrhunderts, bei denen die ausgemergelten, schlangenzerfressenen Körper deren Sündhaftigkeit zum Ausdruck bringen, sondern ist gemäß eines sich im Mittelalter allmählich vollziehenden Wandels als erotisch anziehende Luxuria gezeigt, deren Vorbild die Schönheit der heidnischen Göttin Venus ist. Der Hase zu Füßen der Frauengestalt ist ein Symbol der Fruchtbarkeit und Unkeuschheit, und die langen Haarsträhnen, auf die sie ihren Arm stützt, mögen das Fell eines Bocks sein, wie es der Luxuria in einigen Beispielen mittelalterlicher Kathedralplastik als Attribut beigegeben ist. In diesen Steinplastiken tragen die Figuren wie auf Pisanellos Zeichnung lange offene Haare, die von einem Kranz aus Blumen umgeben sind.
Die Zeichnung stammt wohl aus der Frühzeit des Künstlers, da sie dem Verkündigungsfresko in S. Fermo in Verona (1426) nahesteht, in dem der Erzengel Michael mit seiner üppigen Lockenpracht unmittelbar mit dem Kopf der Luxuria vergleichbar ist. Eine wesentlich spätere Datierung ist wenig wahrscheinlich, da in der ungelenken Körperhaltung der Frauengestalt noch kein Einfluss der Antike spürbar wird, wie er sich seit dem Aufenthalt des Künstlers in Rom (1431/32 dokumentiert) zu erkennen gibt.
Achim Gnann, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 28.
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