Egon Schiele, Knabe mit langem Rock, Inv. Nr.: 32601
Knabe mit langem Rock
Egon Schiele, Knabe mit langem Rock, Inv. Nr.: 32601
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Knabe mit langem Rock

Egon Schiele

1910




Der Knabe mit langem Rock ist präzise konstruiert: Er besteht aus einer wie mit dem Lineal gezogenen Variation von gleichschenkligen und gleichseitigen Dreiecken. Die pathetische Geste der abgewinkelten Arme rahmt das Oval seines Kopfes. Schiele betont den Umriss und verstärkt damit die radikale Flächigkeit der Komposition.



Künstler:in (Tulln 1890 - 1918 Wien)
Date1910
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesSchwarze Kreide, Aquarell, Deckfarben auf braunem Packpapier
Dimensions44,9 × 30,2 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number32601
Signedl.u. "Schiele"
Text

Mit seiner Flucht nach Krumau aus dem ihn bedrückenden Wien ändert sich Schieles Stil deutlich, wie unter anderem an seinen Kinderbildnissen ablesbar ist. Eine schmale Skala von gedämpften Tönen verdrängt die krassen Farbkontraste der ersten Jahreshälfte.

Schiele behält konstruktiv dieselben Geometrien für die dem Modell auferlegte Köpersprache bei. Der „Knabe mit langem Rock“ aus der Albertina besteht aus einer wie mit dem Lineal gezogenen Variation von gleichschenkeligen und gleichseitigen Dreiecken. Die präzise abgewinkelten Arme rahmen das Oval des Kopfes und verschieben die von den abgeschnittenen Beinen negativ ausgeschnittene Form. Durch die Betonung des Umrisses verstärkt Schiele die radikale Flächigkeit der Komposition. In der Binnenzeichnung fängt Schiele in Krumau jedoch zugleich an, das Pigment mit dem Pinsel zu formen und die Pinselschrift als Moment der Belebung zu nützen.

Schieles Vorliebe für gedeckte Töne, dunkles Braun, Mauve, Blau und Ocker – schließlich auch Schwarz im Inkarnat – zeigen auch die anderen Knabenbildnisse der Albertina, die unseres Erachtens in Krumau entstanden sind. Trotz der genreartigen Auffassung bleibt Schiele seinem Konzept treu, keine Hinweise auf die reale Lebenswelt zu geben.  

 

Es lohnt sich, Schieles Standardisierung der Körperhaltungen und Gesten zu vergegenwärtigen, um unsere Vorstellung von der Selbstbestimmung der Modelle zu korrigieren. Was im einzelnen Fall wie eine natürliche Körperhaltung wirkt, stellt sich als ein neues Vokabular dar. Nichtsdestoweniger ist der körpersprachliche Ausdruck von Schiele inszeniert und erfunden worden. Er wird vom Künstler dem Modell diktiert. Er ist nicht der natürliche Abdruck des Lebens.

Der hinter diesem Formalismus stehende hohe Abstraktionsgrad der Zeichnungen und Aquarelle wird angesichts der Individualisierung der Körper und Gesichter kaum wahrgenommen.

Klaus Albrecht Schröder (Autor und Hg.), Egon Schiele (Kat. Ausst., Albertina, Wien 2005/2006), München, Berlin, London, New York 2005, S. 110-111.

Catalogue raisonné
  • Kallir Drawings 1990/1998, 434
  • Bibliography
  • AK Albertina 1959 a, Nr. 47
  • Mitsch 1961, S. 22 (1969, Abb. 15)
  • AK Salzburg 1968, Nr. 5
  • Leopold 1972, S. 142
  • AK Albertina 1990, Nr. 33, Abb.
  • AK Amsterdam 2005, S. 49, Abb.
  • Klaus Albrecht Schröder (Autor und Hg.), Egon Schiele (Kat. Ausst., Albertina, Wien 2005/2006), München, Berlin, London, New York 2005, Nr. 43
  • Klaus Albrecht Schröder, in: Museo Guggenheim Bilbao (Hg.), Egon Schiele. Obras del Albertina Museum, Viena, (Kat. Ausst., Museo Guggenheim Bilbao, Bilbao 2012/2013), Bilbao 2012, S. 56-57 (in spanischer Sprache)
  • Provenance
  • 1957 erworben von Maria Schulz-Dornburg (1892-1976), Salzburg

  • IIIF Logo IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/en/objects/3020/knabe-mit-langem-rockImage Request
    Last edited18.12.2024