Liegender Frauenakt
Egon Schiele
1908
Auch wenn man davon ausgehen kann, dass der "Liegende Frauenakt" der Albertina im Aktsaal der Akademie entstanden sein wird, ist dennoch Schieles Abwendung vom akademischen Zeichenstil seines Lehrers, #Prof. Christian Griepenkerl, evident.
Nicht die Tatsache der idealisierenden Linienführung an sich ist es, die Schieles Blatt von der doch wesentlich realistischeren Auffassung des dem Historismus verpflichteten Lehrers trennt. Im Gegenteil, mit seiner Präferenz der Linie bereitete Griepenkerl seinem Schüler gewiss keine Schwierigkeiten. Doch erweist sich Egon Schiele mit der in einem einzigen Fluss sanft schwingenden Linie, die auf innerfigürliche Modellierung und Detaillierung völlig verzichtet, als strikter Parteigänger des melodischen Prinzips der secessionistischen Kurvilinearität.
Schieles Verständnis für die dekorativ-ornamentale Linie wird in dieser Zeichnung von der anmutigen Haltung der halb liegenden Frau gleichsam motivisch legitimiert. Von der großen Kontur bis zum kleinen Schwung der einem Kreissegment folgenden Linie der Zehen reicht Schieles konsequente Anwendung der Prinzipien einer schönlinigen Umrisszeichnung. Selbst die uniforme Kolorierung der Haare respektiert das Diktat der Kurvilinearität und widerstandslos dahinströmenden Rhythmik.
Wie ein Ausfluss dieser idealen Figurenauffassung des weiblichen Aktes schreibt sich die ebenso rund geschwungene Signatur und Datierung Schieles in die aktivierte Negativform des leeren Polsters ein.
Diese Zeichnung zählt zu den frühesten Dokumenten von Schieles Auseinandersetzung mit dem nackten weiblichen Körper: Doch mehr als die Interpretation der Erotik und Sexualität der Frau interessiert Egon Schiele hier die abstrakte Dekoration.
Klaus Albrecht Schröder (Autor und Hg.), Egon Schiele (Kat. Ausst., Albertina, Wien 2005/2006), München, Berlin, London, New York 2005, S. 49.
