Der Fasan
Chaim Soutine
1924
Der aus Litauen stammende Chaim Soutine gehört zu den Künstlern des französischen Expressionismus. 1913 verlässt er seine Heimatstadt Vilnius und zieht in die Kunstmetropole Paris. Wie seine ungefähr gleichaltrigen Malerkollegen Chagall, Modigliani und Picasso lebt Soutine als „peintre maudit“ in äußerst ärmlichen Verhältnissen. Er studiert an der École des Beaux-Arts, wo er Amedeo Modigliani kennen und schätzen lernt. Als Soutine Ende 1922 nach dreijährigem Aufenthalt in Céret in den französischen Pyrenäen nach Paris zurückkehrt, widmet er sich vorwiegend dem Stillleben, in dem er seine Bedrängnisse und Kindheitstraumata verarbeitet. Diese Bilder künden nicht bevorstehende Tafelfreuden an, sondern machen auf fast grausame Art das der Kreatur zugefügte Leid sichtbar.
Chaim Soutine, who came from Lithuania, was an exponent of French Expressionism. In 1913 he left his hometown Vilnius for the art metropolis of Paris. Similar to his painter friends Chagall, Modigliani, and Picasso, who were of about the same age, Soutine lived as a “peintre maudit” in extremely meagre circumstances. He studied at the École des Beaux-Arts, where he met and came to appreciate Amedeo Modigliani. When Soutine returned to Paris after a three-year stay at Céret in the French Pyrenees in late 1922, he primarily devoted himself to the genre of still life, in which he sought to come to terms with his afflictions and childhood traumata. These pictures do not hold the promise of regalement, but visualise in an almost cruel manner the harm inflicted upon living creatures.
Rahmenaußenmaß: 60 × 80,3 × 8,5 cm
Der aus Litauen stammende Chaim Soutine ist als «peintre maudit » in die Geschichte eingegangen. Nachdem er 1913 den Sprung aus dem provinziellen Vilnius in die Kunstmetropole Paris gewagt hatte, lebte er wie seine ungefähr gleichaltrigen Freunde Chagall, Modigliani oder Picasso in äußerst ärmlichen Verhältnissen. Ein Magengeschwür, das schließlich zum frühen Tod des Künstlers führen sollte, war eine Folge dieser jahrelangen Misere.
Dank seinem Pariser Kunsthändler Leopold Zborowski, aus dessen Galerie übrigens das vorliegende Bild stammt, konnte sich Soutine 1919 bis 1922 in Céret in den französischen Pyrenäen, wo sich zuvor schon Picasso verschiedentlich aufgehalten hatte, von seinem Magenleiden erholen. Neben zahlreichen Landschaftsbildern entstanden hier auch immer wieder Stillleben, die auffallend häufig tote Tiere darstellen.1 Wie Rembrandts Darstellungen eines geschlachteten Ochsen (Der geschlachtete Ochse, Musée du Louvre, Paris) kündigen diese Bilder nicht bevorstehende Tafelfreuden an, sondern machen auf fast grausame Art das der Kreatur zugefügte Leid sichtbar.
Nachdem Soutine 1922 nach Paris zurückgekehrt war, malte er eine Reihe toter Fasane, unter ihnen auch denjenigen aus der Sammlung Batliner, der wohl 1924 entstanden ist.2 Anders als in barocken Jagdstilleben wie denjenigen von Chardin oder Oudry interessierte sich der Künstler weniger für die schillernde Farbenpracht des Gefieders. Der auf einem weißen Laken liegende Vogel ist vielmehr deutlich als Kadaver gekennzeichnet, und er erweckt mit seinen lahmen Flügeln und Beinen, dem eingefallenen Leib und den gebrochenen Augen den Eindruck, als befinde er sich bereits im Zustand der Verwesung.
1 Vgl. Esti Dunow, Die Stilleben Soutines, in: Ausst.-Kat. Chaim Soutine, Westfälisches Landesmuseum, Münster 1981, S. 73-99.
2 Das Bild ist auf dem Keilrahmen vom Künstler selber ins Jahr 1924 datiert. Ein anderes Stillleben mit Fasan aus der Zeit 1924-1925 ist aufgeführt bei: Marice Tuchman/Esti Dunow/Klaus Perls, Chaim Soutine: Werkverzeichnis, Köln 1993, Nr. 108.
zitiert aus: R. & H. Batliner Art Foundation (Hg.), Rudolf Koella (Konzept und Red.)/Felix Billeter (Wiss. Mitarb.), Verborgene Meisterwerke (Kat. Best. R. & H. Batliner Art Foundation, Vaduz 2005), Wien 2005, S. 92, Nr. 204.
