Der Fasan
Pablo Picasso
1938
Als hätte der Künstler einem Seismografen gleich die Erschütterungen des kommenden Weltkriegs bereits gespürt, wendet er sich nach Fertigstellung seines berühmtem Antikriegsbildes Guernica (1937) vorzugsweise Darstellungen des Todes zu. Wie in einer meditativen, träumerischen, dem erloschenen Leben nachsinnenden Betrachtung schwindet zusehends das Interesse am eigentlichen Bildgegenstand des erlegten Vogels. Ins Auge sticht vielmehr die funkelnde Pracht der Farben des Gefieders, das durch den graugrünen Hintergrund verstärkt zur Geltung kommt.
As if the artist, similar to a seismograph, had already sensed the catastrophes to be brought about by the imminent World War, he preferably continued to deal with the subject of death also after the completion of his famous anti-war painting Guernica (1937). Like in a meditative, dreamy reflection contemplating extinguished life, the interest in the shot bird as the motif proper gradually fades. What rather strikes the eye here instead is the glowing and colourful splendour of its plumage, which is effectively set off against the greyish green background.
Im Juli 1936 bricht der Spanische Bürgerkrieg aus. Wie die meisten Exilspanier, zumal die Künstler, Schriftsteller und Intellektuellen unter ihnen, schlägt sich Picasso ganz auf die Seite der Republikaner, und als die Faschisten ohne Rücksicht auf die zivile Bevölkerung die kleine baskische Stadt Guernica bombardieren, ist er so empört, dass er beschließt, diese Missetat mit seinen eigenen Mitteln – den Mitteln des Künstlers – öffentlich anzuprangern. Also malt er das großformatige, ganz in Schwarz-Weiß gehaltene Bild Guernica, das 1937 an der Pariser Weltausstellung im spanischen Pavillon zur Schau gestellt wird und das bei den Besuchern grosse Betroffenheit auslöst.
Die angespannte politische Situation verschlimmert sich noch, als 1938 die Expansionsgelüste Nazi-Deutschlands ganz Europa in Aufruhr bringen, sodass im Jahr darauf der Zweite Weltkrieg ausbricht. Picasso, der seit 1904 in Paris lebt, fühlt sich nun auch in seiner eigenen Existenz bedroht. Kurz nach dem Einfall der deutschen Wehrmacht in Frankreich beschliesst er, mit seiner Familie in Südwestfrankreich, an der Atlantikküste, Zuflucht zu suchen. Auch diese deprimierenden Erfahrungen schlagen sich sogleich in seinem Werk nieder, allerdings oft in so stark verschlüsselter Form, dass der tiefere Sinn der Bilder erst beim zweiten Blick zutage tritt. Es entstehen nicht nur Darstellungen von weinenden, schreienden und flehenden Frauen, von Müttern mit toten Kindern im Arm und von brutalen Kriegerköpfen; oft benützt Picasso auch Tiere oder Tierkadaver, um das Leiden der Kreatur anschaulich zu machen. So malt er Stillleben, die nur aus blutigen Stierschädeln bestehen, oder er stellt eine schwarze Katze dar, die einen zerfleischten Vogel im Maul trägt (1939, Musée Picasso Paris).
Auch die vorliegende Darstellung eines auf dem Rücken liegenden toten Fasans mit weit aufgerissenem Schnabel und gebrochenen Augen darf ohne Zweifel als eine Metapher für das politische Zeitgeschehen interpretiert werden. Auch dieses frisch erlegte Tier zeugt von der Grausamkeit, zu der sich Menschen immer wieder hinreissen lassen. Allerdings darf dabei nicht vergessen werden, dass der edle Vogel wegen seines bunt schillernden Gefieders bei Malern schon immer hohe Wertschätzung genoss. Seit der Barockzeit treten Fasane auf Jagdstillleben immer wieder auf. Dass dieses Bildmotiv in der Moderne noch andere Liebhaber als Picasso besaß, zeigt zum Beispiel der 1924 gemalte Fasan von Chaim Soutine in der Sammlung Batliner (Inv. GE121DL).[1]
R. & H. Batliner Art Foundation (Hg.), Rudolf Koella (Konzept und Red.), R. & H. Batliner Art Foundation. Neuerwerbungen 2005-2011 (Kat. Best. R. & H. Batliner Art Foundation, Vaduz 2012), Vaduz 2012, S. 52, Kat. 69.
