Hirtenkopf
Georg Baselitz
1986
In den Werken der 1980er- und 1990er-Jahre thematisiert Baselitz gerne Fragen zu Geschichte und Gegenwart von traditionsreichen Bildthemen. Im Winter 1986 beschäftigt sich der Künstler mit dem seit der Antike bekannten Thema der Pastorale, der Darstellung friedlichen Hirtendaseins und Landlebens.
In diesem thematischen Zusammenhang entsteht der Hirtenkopf. Die Augen des Hirtenkopfs sind mit einem roten Haus mit Fenstern beziehungsweise einem grünen Tannenbaum übermalt. Spiegelbildlich stehen sich unterhalb des Kopfes (im Bild oben) Feuer und Wasser gegenüber. Verweist die Symbolik auf den Haus-Baum-Feuer-Wasser-Mensch-Test, der in der Kinder- und Jugendpsychotherapie eingesetzt wird und ein Fenster zum Unbewussten öffnen soll?
Rahmenaußenmaß: 166 x 133,5 x 4,5 cm
Dass Baselitz von allen zeitgenössischen Malern in der Sammlung Batliner am breitesten vertreten ist, verwundert nicht. Dem 1938 in der Nähe von Dresden geborenen Künstler, der seit 1975 in Derneburg bei Hannover lebt, gelingt es wie kaum einem anderen, ein ausgeprägtes Traditionsbewusstsein mit einem sicheren Gefühl für Gegenwärtiges zu verbinden. Als sein Markenzeichen gilt seit 1969, dass er die Bildmotive auf den Kopf stellt, um so die Aufmerksamkeit des Betrachters stärker auf das rein Gestalterische zu lenken. Im Winter 1986 beschäftigte sich Baselitz intensiv mit dem alten Thema der Pastorale. 1 Er tat dies freilich auf so irritierende Art, dass das Thema, wenn es nicht im Titel angesprochen würde, kaum zu erkennen wäre. Außer einer Vielzahl von Zeichnungen entstanden in diesem Zusammenhang zwei riesengroße Ölbilder, die beide den Titel Pastorale tragen, wobei im Untertitel präzisiert wird, dass diese Schäferszenen einmal bei Tag, das andere Mal bei Nacht stattfinden (Museum Ludwig, Köln). Zu erkennen ist auf beiden Bildern eine stehende nackte Frau und ein großer blonder Jünglingskopf; darüber schweben unterschiedlichste und oft schwer zu identifizierende Dinge wie - auf dem Tagbild - ein Adlerkopf, ein Krug und ein Huhn. Dieses merkwürdige Sammelsurium ist wohl so zu deuten, dass mit diesen beiden Bildern verschlüsselte Darstellungen einer idyllischen Liebesszene gemeint sind, die sich in einer traumverwunschenen arkadischen Landschaft abspielt. Der vorliegende Hirtenkopf, der laut eigenhändiger Bezeichnung im März 1986 entstanden ist, gehört in den gleichen thematischen Zusammenhang. In der Tat erinnert dieser Kopf stark an die blond gelockten Jünglingsköpfe auf den beiden Pastoralen, die kurz zuvor, im Winter 1985-1986, gemalt worden sind. Merkwürdig ist nur, dass die Augen durch zwei schwer lesbare Zeichen von gegensätzlicher Bedeutung verdeckt sind: eine grüne Tanne links und ein Haus mit roten Ziegeln rechts. Auch die beiden grob skizzierten Zeichen unter dem Kopf drücken wohl einen existenziellen Gegensatz aus: gemeint sind ohne Zweifel Feuer und Wasser.
1 Vgl. Siegfried Gohr, Baselitz. Pastorale, Köln 1987.
zitiert aus: R. & H. Batliner Art Foundation (Hg.), Rudolf Koella (Konzept und Red.)/Felix Billeter (Wiss. Mitarb.), Verborgene Meisterwerke (Kat. Best. R. & H. Batliner Art Foundation, Vaduz 2005), Wien 2005, S. 402, Nr. 6.
