Ede
Georg Baselitz
1993
Lena (Inv. GE162DL), Ede und Hage (Inv. GE164DL) sind Beispiele aus einer umfangreichen Serie von Bildern, die mythischen Heldengestalten gewidmet ist. Das auf den Kopf gestellte Motiv sowie eine abstrahierende Bildsprache, die sich aus Punkten und Linienstrukturen aufbaut, machen es schwierig, die Bilder zu lesen: Folgt man dem Wunsch des Künstlers, sich mehr auf die Malerei und weniger auf ihren Inhalt zu konzentrieren, so eröffnet sich dem Betrachter auf der Leinwand daher zunächst eindeutig die malerische Gestaltung, und erst danach stellt sich die Frage nach dem Gegenstand der Darstellung.
Rahmenaußenmaß: 135,5 x 100 x 5 cm
Die vorliegenden drei Werke der Sammlung Batliner (Inv. GE162DL; Inv. GE163DL; Inv. GE164DL) gehören in eine umfangreiche Serie gleich großer Gemälde, die allesamt mythische Heldengestalten darstellen sollen. Wegen der stark abstrahierenden Gestaltungsweise ist dies jedoch kaum zu erkennen. Am ehesten lässt sich Gegenständliches noch auf dem Bild Lena (Inv. DE162DL) erraten. In die schwarze Grundierung sind die Umrisse einer menschlichen Büste eingekratzt, allerdings wie immer bei Baselitz in umgekehrter Ausrichtung. Über diesem Leib schweben ein paar bunte Flecken, die laut Auskunft von Detlev Gretenkort, einem Mitarbeiter von Baselitz einen sehr abstrakten Totenkopf darstellen sollen.1 Geht man davon aus, dass mit dieser Figur eine Frau gemeint ist, könnte es sich also um eine grausame Heroine wie die Judith aus dem Alten Testament handeln, die in der älteren Kunst häufig mit dem Haupt des von ihr umgebrachten Wüstlings Holofernes wiedergegeben ist. Wer diese Lena tatsächlich ist oder war, lässt der Künstler jedoch völlig offen. Anzunehmen ist, dass dieser Name ein reiner Phantasiename ist. Das Gleiche gilt für die Titel der übrigen Bilder dieser Serie, obschon manche von ihnen an gewisse Heldengestalten der altdeutschen Mythologie erinnern, zumal sie oft sehr nordisch klingen. Noch schwerer fällt es, auf den beiden anderen hier vorgestellten Werken einen Gegenstand auszumachen. Die pastosen Linien und Punkte, die auf dem Bild Ede mit direkt aus der Tube gepresster schwarzer Farbe auf den roten Grund gesetzt sind, sollen ebenfalls einen weiblichen Torso wiedergeben, nämlich Schultern und Arme, beteuert Detlev Gretenkort, und auch da soll im Schoss der Frau ein männlicher Schädelliegen.2 Auf dem weißgrundigen Bild Hage (Inv. GE164DL) sei die Heldin dagegen als Ganzfigur erfasst, frontal vor dem Betrachter stehend, und diesmal ohne das blutige Attribut. Oder stehen die bunten Flecken über dem dunklen Liniengespinst erneut für den Tod des gehassten Peinigers?
1 Freundliche Mitteilung von Detlev Gretenkort. Derneburg. vom 17. Juni 2005 (Archiv der Batliner Art Foundation, Vaduz) .
2 Mitteilung von Detlev Gretenkort vom 7. September 1994 (Archiv der Batliner Art Foundation, Vaduz). - Vgl. auch Diane Waldman im Ausst.-Kat. Georg Baselitz, Solomon R. Guggenheim Museum, New York 1995, S. 190-199.
zitiert aus: R. & H. Batliner Art Foundation (Hg.), Rudolf Koella (Konzept und Red.)/Felix Billeter (Wiss. Mitarb.), Verborgene Meisterwerke (Kat. Best. R. & H. Batliner Art Foundation, Vaduz 2005), Wien 2005, S. 404, Nr. 8.
