Witebsk, Dorfszene
Marc Chagall
1935-1937
Dorfszene in Witebsk spricht vom Zurücklassen der Heimat, während sie in Chagalls Bildern doch stets präsent bleibt. Der am Boden taumelnde Harlekin mit Petroleumlampe, die links über das Dach steigende Figur mit Stock und Sack am Rücken und der in der Mitte des Bildes nach oben entschwebende Wagenlenker, sie alle befinden sich in ihrem Dasein in Schwebe. Die osteuropäische jüdische Kultur kennt den Begriff des „Luftmenschen“, der ursprünglich eine Metapher für die Lebenssituation der Jüdinnen und Juden war, ausgeschlossen und mit einer erzwungenen „bodenlosen Existenz“. Dies schließt im weiteren Sinne die ewige Wanderschaft und Vertreibung des jüdischen Volkes mit ein, das buchstäblich „in der Luft hängt“. Erneut stellt Chagall hier sein persönliches Empfinden in den größeren Kontext der jüdischen Geschichte.
Marc Chagall was born into a working class family of Jewish origin in the Belarusian town of Vitebsk in 1887. When still a pupil, he received singing and violin lessons and took up drawing. Chagall founded an art academy and invited such avant-garde artists as El Lissitzky, Ivan Puni, and Kazimir Malevich to work there as teachers. Following quarrels, he left for Paris in 1922, where he studied the most recent developments in the visual arts.
Even if the powerful colours of this village scene seem to have been inspired by the Fauvists, Chagall remained true to the pictorial motifs of his childhood: the man climbing up a roof with a sack on his back, the hay wagon, the goat, the cockerel, the white harlequin, the houses of Vitebsk – all of these elements were retrieved from Chagall’s visual memory. Memories, dream, and nostalgia blend together to form a poetic whole. By depicting such dream worlds and entirely extinguishing causality, the artist anticipated Surrealism.
Rahmenaußenmaß (DLR-GE23DL): 57 × 74 × 6,5 cm
Die Zeit nach der Oktoberrevolution in Russland 1917 hatte für Chagall sehr hoffnungsvoll begonnen. 1919 wurde auf seine Anregung hin im heimatlichen Witebsk eine Kunstakademie gegründet, deren Leiter er wurde und an die er so bedeutende Avantgarde-Künstler wie EI Lissitzky, Iwan Puni und Kasimir Malewitsch berief. Das doktrinäre Auftreten von Malewitsch und seinen Genossen führte allerdings bald zu irreparablen Zerwürfnissen, so dass Chagall die Schule schon 1920 verließ und nach Moskau zog. Als auch dort die Lebensbedingungen für Avantgarde- Künstler immer schwieriger wurden, fuhr er 1922 über Berlin nach Paris, das nun zu seiner neuen Heimat wurde. Das vorliegende Bild muss zwischen 1924 und 1927 entstanden sein, also kurz nach Chagalls Niederlassung in Paris. Wie das ungefähr gleichzeitig entstandene Werk Le celf volant (Inv. DL298), das ebenfalls eine Dorfszene aus Witebsk schildert, handelt es sich um ein reines Erinnerungsbild. Wirklichkeit und Traum scheinen auch hier fugenlos ineinander überzugehen, nur dass die Stimmung diesmal nicht heiter-verspielt anmutet, sondern etwas fast Bedrohlich-Unheimliches hat. Ein weiß gekleideter bärtiger Clown liegt rücklings im fusstiefen eine brennende Öllampe hoch. Rechts von ihm erblickt man ein Huhn und den Kopf einer Ziege; links dagegen erhebt sich ein mit Stroh gedecktes Holzhaus, dessen Türe weit offen steht. Über dem Dachfirst macht sich ein mit einem großen Sack beladener Mann aus dem Staub. Jenseits des hölzernen Zauns im Mittelgrund erkennt man weitere Holzhäuser und vor ihnen einen Pferdewagen, der zum Aufbruch bereit steht. Im Übrigen wirkt das Dorf wie ausgestorben, und da der Himmel über den Dächern merkwürdigerweise eine blutrote Färbung aufweist, gewinnt man den Eindruck, es brenne in der Ferne. Auch die gelbe Mondsichel am Himmel scheint Unheil anzuzeigen. Vielleicht darf man darin sogar eine Anspielung auf die Flagge der 1922 gegründeten Sowjetunion erkennen, deren engstirnige Doktrin letztlich daran schuld war, dass Chagall 1922 Russland verließ und nach Paris auswanderte.
zitiert aus: R. & H. Batliner Art Foundation (Hg.), Rudolf Koella (Konzept und Red.)/Felix Billeter (Wiss. Mitarb.), Verborgene Meisterwerke (Kat. Best. R. & H. Batliner Art Foundation, Vaduz 2005), Wien 2005, S. 240, Nr. 27.
