Kreuz
Arnulf Rainer
1990/91
Kreuze und Kruzifikationen nehmen eine zentrale Position in Rainers gesamtem Schaffen ein. Die Kreuzform, die ein vertikales mit einem horizontalen Element in sich verbindet, ist Rainers charakteristische Malfläche und findet sich seit den 1950er-Jahren in seinem Werk. Religiösen Dimensionen und theologischen Erwägungen weicht Rainer aus. Trotz der Verwendung des mit vielfältigen Bedeutungen besetzten Symbols geht es ihm nicht um sakrale Malerei. Seine „Kreuze“ sind unter dem Aspekt der elementaren Sinnlichkeit des Malaktes zu deuten, den sie zu perpetuieren suchen. Das Kreuz ist nie nur Fläche, es öffnet immer auch Räume des Denkens wie des Fühlens, des Bewussten wie des Unbewussten.
Crosses and crucifixions feature prominently in Arnulf Rainer’s entire oeuvre. The form of the cross, which combines a vertical and a horizontal element, is to be found in the artist’s work as his characteristic painting surface since the 1950s. Rainer avoids religious dimensions and theological considerations. Though he uses a symbol invested with manifold meanings he is not concerned with producing sacred art. His “Crosses” are to be seen in the light of the elementary sensuality of the act of painting which they try to perpetuate. None of Rainer’s “Crosses” is merely a surface but always opens up spaces of thinking and feeling, of the conscious and the unconscious.
Wie seine einstige Lebensgefährtin Maria Lassnig (Inv. GE175DL) betreibt Arnulf Rainer seit Jahrzehnten „Körpergefühlsmalerei“. Nur äußert sich bei ihm dieses Gefühl in schierer Wucht, und diese Wucht kann dem Bild so stark zusetzen, dass von dem, was einst da war, nur noch Spuren zurückbleiben. Das häufigste Mittel, das Rainer dabei einsetzt, ist die Übermalung. Schicht um Schicht wird der Malgrund mit Farbe bedeckt, wobei zum Auftrag nicht nur Pinsel und Spachtel, sondern auch die bloßen Hände benützt werden. Der Zugriff ist umso heftiger, als der Malgrund oft nicht eine neutrale Folie ist, sondern eine eigene oder fremde Fotografie. Im erstgenannten Fall handelt es sich dabei meist um Selbstablichtungen, die den Künstler in den unterschiedlichsten Posen zeigen.
Das liebste Objekt von Arnulf Rainers Malwut ist aber neuerdings das Kreuz. Aus Holz lässt er grosse, unterschiedlich geformte Kreuze schreinern, die er dann unter vollem Körpereinsatz mit Farbe bedeckt. Im vorliegenden Fall fiel die Bemalung besonders üppig aus, und die Farbe war beim Auftrag noch so flüssig, dass sie über die ganze Bildfläche hinunterrann. Auffallend auch , dass auf diesem Werk außer Schwarz und Blau auch Rot und Gelb vorkommen und dass diese beiden Töne vor allem in den seitlichen Auskragungen und im Mittelteil oben auftreten. Rot und Gelb erinnern, zumal wenn sie miteinander vermischt sind, an menschliches Fleisch. Kein Zweifel, dass genau dies der Grund ist, weshalb sie hier eingesetzt sind: Sie spielen auf den geschundenen Leib Christi an, der am Kreuz den Opfertod erlitt.
Zwar hat man immer gewisse Hemmungen, einem abstrakten Maler wie Arnulf Rainer so klare darstellerische Absichten zu unterschieben, zumal sich dieser Maler ja gerne als Tabubrecher und Blasphemist gebärdet. Zu unserer Rechtfertigung darf jedoch darauf hingewiesen werden, dass Rainer 1980 immerhin den Auftrag annahm, für den Chor der Petrikirche in Lübeck ein großes Kreuz zu malen und dass er dieses Kreuz bedeutungsvoll Kruzifikation nannte. Auch übermalte er sehr häufig Fotografien von gotischen Christus- und Madonnenbildern, und auf auffallend vielen Selbstdarstellungen nimmt er die Leidenspose eines christlichen Märtyrers ein. Erwähnt sei schließlich auch, dass ihm gleich zwei Mal die Ehrendoktorwürde einer katholisch-theologischen Fakultät verliehen wurde, das erste Mal 2004 in Münster, das zweite Mal 2006 in Linz.
R. & H. Batliner Art Foundation (Hg.), Rudolf Koella (Konzept und Red.), R. & H. Batliner Art Foundation. Neuerwerbungen 2005-2011 (Kat. Best. R. & H. Batliner Art Foundation, Vaduz 2012), Vaduz 2012, S. 110, Kat. 90.
