"Kunst kann nicht modern sein. Kunst ist urewig."
Egon Schiele
22. April 1912
Auch wenn die Vorwürfe der Entführung einer Minderjährigen als haltlos fallengelassen werden mussten und Schiele schließlich wegen der Verbreitung unsittlicher Zeichnungen, die in seinem Atelier von Kindern gesehen werden konnten, zu insgesamt nur 24 Tagen Haft verurteilt wurde, erlebte der Künstler diese relativ kurze Zeit der Inhaftierung als einen tiefgreifenden und verletzenden Eingriff in seine Existenz. Dabei muss berücksichtigt werden, dass Schiele bis zu seiner Überstellung ans Kreisgericht in St. Pölten und der offiziellen Anklageerhebung am 30. April nicht wusste, was letzten Endes gegen ihn vorgebracht werden würde, und ob er nicht Strafen von sechs Monaten für die „Erregung öffentlichen Ärgernisses“ oder gar von 20 Jahren wegen „Schändung“ zu gewärtigen hätte.
Die überlieferten 13 Arbeiten, die Schiele zwischen dem 19. und 27. April angefertigt hat, verdeutlichen die dramatisch zunehmende Angst vor einer harten Verurteilung. Nachdem ihm seine Lebensgefährtin #Wally Zeichenmaterial gebracht hatte, schuf Schiele die erschütternden Zeugnisse einer völligen Zerrüttung und zunehmenden Panik.
Die Albertina besitzt die zehn bedeutendsten Gefängniszeichnungen (Inv. 31032, Inv. 31025, Inv. 31160, Inv. 31029, Inv. 31030, Inv. 31031, Inv. 31162, Inv. 31161, Inv. 31027, Inv. 31026). Schiele akzentuiert die Bleistiftzeichnungen nur äußerst sparsam. Wären nicht die zum Teil trivial-pathetischen Beschriftungen mit den Tagesdatierungen, nichts deutete auf die sich anbahnende Qual der Isolation.
Drei der Aquarelle, die Schiele während seines Gefängnisaufenthaltes gemacht hat, sind experimentelle Perspektivstudien, wahrscheinlich nur eines einzigen Sessels, der zum vorläufigen Stellvertreter der räumlichen Desorientierung wird (Inv. 31029, Inv. 31030, Inv. 31031). Noch zeichnet Schiele – wie auch stets zuvor und nach dem Gefängnisaufenthalt – strikt nach der Natur, vor dem Motiv; ein Selbstbildnis verbietet sich noch mangels entsprechendem Spiegel.
Das zuletzt, am 22. April entstandene Porträt des Sessels mutiert zum Stellvertreter-Doppelbildnis: vielleicht für Schiele und seine Besucherin Wally, deren blaues Tuch über einer Sessellehne hängt. Rechts oben ist der gusseiserne Ofen auf dem nur mit Bleistift gezeichneten Postament zu sehen. In effigie suchen zwei Personen die Wärme des Feuers. Die Inschrift auf dieser Zeichnung wurde zum meistzitierten Motto der Schiele-Biografik: "Kunst kann nicht modern sein, Kunst ist urewig." Ein Künstlerplädoyer für überzeitliche Gültigkeit der zeitgebundenen Kunst.
Klaus Albrecht Schröder (Autor und Hg.), Egon Schiele (Kat. Ausst., Albertina, Wien 2005/2006), München, Berlin, London, New York 2005, S. 206-211.
IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/en/objects/3081/kunst-kann-nicht-modern-sein-kunst-ist-urewigImage Request