Egon Schiele, "Mein Wandelweg führt über Abgründe.", Inv. Nr.: 31026
"Mein Wandelweg führt über Abgründe."
Egon Schiele, "Mein Wandelweg führt über Abgründe.", Inv. Nr.: 31026
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

"Mein Wandelweg führt über Abgründe."

Egon Schiele

27. April 1912




Völlig anders als alle anderen im Gefängnis von Neulengbach gefertigten Aquarelle stellt sich das Schlusswerk dar: ein Stillleben-Arrangement von drei Orangen auf einer bunt gemusterten Decke, das einzige Werk, zu dem eine Vorzeichnung – vom Vortag auf der Rückseite – erhalten ist.

Das Stillleben unterscheidet sich nicht nur thematisch, sondern auch technisch radikal von den transparenten, Nass-in-Nass gearbeiteten Aquarellen, eine farblich schwere Gouache, deren Beschriftung nicht zum Bildmotiv passen will: »Mein Wandelweg führt über Abgründe«. Die Kolorierung ist offensichtlich später, nach Schieles Entlassung aus dem Gefängnis entstanden, im eigenen Atelier, wo dem Künstler wieder seine Gouache-Farben zur Verfügung standen.



Künstler:in (Tulln 1890 - 1918 Wien)
Date27. April 1912
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesBleistift, Aquarell, Deckfarben auf Strathmore Japanpapier, grundiert
Dimensions32 x 48 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number31026
Inscribedr.o. "MEIN WANDELWEG FÜHRT ÜBER ABGRÜNDE"
Signedr.o. "EGON / SCHIELE / 27.IV.1912"
Text

Am 13. April 1912 wurde Egon Schiele – für ihn völlig überraschend – wegen der angeblichen Entführung und Schändung des 13-jährigen Mädchens #Tatjana Georgette von Mossig in Untersuchungshaft genommen und am 30. April ins Kreisgericht St. Pölten überstellt.

Auch wenn die Vorwürfe der Entführung einer Minderjährigen als haltlos fallengelassen werden mussten und Schiele schließlich wegen der Verbreitung unsittlicher Zeichnungen, die in seinem Atelier von Kindern gesehen werden konnten, zu insgesamt nur 24 Tagen Haft verurteilt wurde, erlebte der Künstler diese relativ kurze Zeit der Inhaftierung als einen tiefgreifenden und verletzenden Eingriff in seine Existenz. Dabei muss berücksichtigt werden, dass Schiele bis zu seiner Überstellung ans Kreisgericht in St. Pölten und der offiziellen Anklageerhebung am 30. April nicht wusste, was letzten Endes gegen ihn vorgebracht werden würde, und ob er nicht Strafen von sechs Monaten für die „Erregung öffentlichen Ärgernisses“ oder gar von 20 Jahren wegen „Schändung“ zu gewärtigen hätte.

 

Die überlieferten 13 Arbeiten, die Schiele zwischen dem 19. und 27. April angefertigt hat, verdeutlichen die dramatisch zunehmende Angst vor einer harten Verurteilung. Nachdem ihm seine Lebensgefährtin #Wally Zeichenmaterial gebracht hatte, schuf Schiele die erschütternden Zeugnisse einer völligen Zerrüttung und zunehmenden Panik.

 

Die Albertina besitzt die zehn bedeutendsten Gefängniszeichnungen (Inv. 31032, Inv. 31025, Inv. 31160, Inv. 31029, Inv. 31030, Inv. 31031, Inv. 31162, Inv. 31161, Inv. 31027, Inv. 31026).

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Völlig anders als alle anderen im Gefängnis von Neulengbach gefertigten Aquarelle stellt sich das Schlusswerk dar: ein Stillleben-Arrangement von drei Orangen auf einer bunten gemusterten Decke. Das einzige Werk, zu dem eine Vorzeichnung – vom Vortag auf der Rückseite – erhalten ist.

Das Stillleben unterscheidet sich nicht nur thematisch, sondern auch technisch radikal von den transparenten, nass in nass gearbeiteten Aquarellen: die farblich schwere Gouache, deren Beschriftung nicht zum Bildmotiv passen will: „Mein Wandelweg führt über Abgründe“.



Klaus Albrecht Schröder (Autor und Hg.), Egon Schiele (Kat. Ausst., Albertina, Wien 2005/2006), München, Berlin, London, New York 2005, S. 206-215.

Catalogue raisonné
  • Kallir Drawings 1990/1998, 1191
  • Bibliography
  • Roessler 1922, S. 35
  • AK Wien 1925/26, Nr. 72h
  • AK Albertina 1948, Nr. 164
  • AK Albertina 1959 a, Nr. 75
  • Comini 1964, Abb. 14
  • Comini 1973, Tafel XI, Abb. 39
  • AK München 1975, Nr. 174, Abb.
  • Nebehay 1979, Abb. 85 (1980, Abb. 100)
  • Malafarina 1982, S. 73
  • AK Albertina 1990, Nr. 97, Abb.
  • Nebehay / Müller 1990, Tafel 10
  • Wischin 1998, S. 55
  • AK Zug 2001/02, ohne Nr.
  • AK Amsterdam 2005, S. 85, Abb.
  • Klaus Albrecht Schröder (Autor und Hg.), Egon Schiele (Kat. Ausst., Albertina, Wien 2005/2006), München, Berlin, London, New York 2005, Nr. 115
  • Klaus Albrecht Schröder, in: Museo Guggenheim Bilbao (Hg.), Egon Schiele. Obras del Albertina Museum, Viena, (Kat. Ausst., Museo Guggenheim Bilbao, Bilbao 2012/2013), Bilbao 2012, S. 112-113 (in spanischer Sprache)
  • Provenance
  • 1950 erworben von Arthur Roessler (1877-1955), Wien

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    Last edited20.06.2022