Geigender und springender Clown mit Papierscheibe
Henri-Gustave Jossot
1896
Jossot brach seine berufliche Laufbahn als Versicherungskaufmann ab, um sich als Autodidakt der bildenden Kunst zuzuwenden. Er trat in Kontakt mit Künstlern wie #Eugène Carrière, in dessen Atelier er lehrreiche Unterweisungen bekam. Erste öffentliche Anerkennung brachte ihm die Teilnahme an den Salon-Ausstellungen der "Indépendants". Jossot betätigte sich hauptsächlich auf dem Gebiet der Gebrauchsgrafik, entwarf Plakate, Buchschmuck, Spiel- und Einladungskarten. Er arbeitete als Illustrator für zahlreiche bekannte Zeitschriften wie "Le Rire", "La Plume", "Cocorico" und "L´ Estampe originale". Darüber hinaus entstanden Alben und illustrierte Bücher. Seine eigentliche Stärke liegt auf dem Gebiet der Karikatur und der Plakatgrafik, die zumeist ein scharfer, sarkastischer Humor auszeichnet. In seinem Werk verarbeitet er Einflüsse aus dem Symbolismus, dem Jugendstil, dem japanischen Holzschnitt und der revolutionären Plakatkunst #Toulouse-Lautrecs, die sich am Ende der 1890er-Jahre zu seinem eigenwilligen, prägnanten Linienstil kanalisieren. Von Jossot sind 20 Plakatentwürfe bekannt, deren stark reduzierte, groteske Formen im krassen Gegensatz zum eleganten Zeitgeschmack stehen und daher umso plakativer ins Auge springen. Nach der Gründung der Zeitschrift "L´Assiette au Beurre" 1901 publiziert er seine bissigen Angriffe auf die Gesellschaft, die Kirche, die Justiz und das Militär fast ausschließlich in diesem Organ. Ab etwa 1905 weichen seine Attacken einem menschenfeindlichen Skeptizismus, werden seine satirischen Beiträge langsam spärlicher und hören nach 1908 überhaupt auf. 1911 übersiedelte Jossot nach Tunis, wo er 1913 zum mohammedanischen Glauben übertrat, den Namen Abdul Karim annahm und seine Kunst - überwiegend Tuschzeichnungen - orientalischen Motiven widmete.
Die derb-groteske Zeichnung eines Geige spielenden, schlangenmenschartigen Clowns dürfte ein Entwurf für ein offenbar nicht ausgeführtes Plakat oder für ein Kabarettprogramm darstellen. Sie ist ein charakteristisches Beispiel für Jossots Kunstwollen: Die Bildgegenstände werden von breiten stilisierten Konturlinien umschlossen und wirken unter Verzicht auf detaillierende Binnenzeichnung wie monumentalisiert, wodurch der Darstellung eine unwirkliche, schematische, maskenhafte Starrheit anhaftet. Um welchen Künstler es sich bei dem akrobatischen Clown handelt, den Jossot 1896 ankündigt, ließ sich nicht klären. Zwar drängt sich der Vergleich mit zwei in Paris beliebten Kabarettisten auf, die Toulouse-Lautrec Mitte der 90er-Jahre ebenfalls dargestellt hat, dem Schlangenmenschen #Valentin le Désossé und dem Clown #George Footit, doch weisen beide nur entfernte Ähnlichkeiten mit dem von Jossot Dargestellten auf.
zitiert aus: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Christine Ekelhart (Bearb.), Die französischen Zeichnungen und Aquarelle des 19. und 20. Jahrhunderts der Albertina. Beschreibender Katalog der Handzeichnungen in der Albertina, Bd. XI, Wien/Köln/Weimar 2007, S. 442, Nr. 200.
IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/en/objects/33917/geigender-und-springender-clown-mit-papierscheibeImage Request