Niccolò Boldrini, Springender Reiter, Inv. Nr.: DG2002/351
Springender Reiter
Niccolò Boldrini, Springender Reiter, Inv. Nr.: DG2002/351
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Springender Reiter

Niccolò Boldrini

ca. 1560-1570




Künstler:in (Italien, erw. 1540/1549 (?)/1566 - 1566)
Dateca. 1560-1570
Object TypeDruckgraphik
Object typePrint
Materials / TechniquesClair-obscur-Holzschnitt in zwei Platten (braun)
Dimensions23,2 x 19 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object numberDG2002/351
Inscribedr.u. "P.mariette 1668" (in Feder)
Signedl.u. "PORDO / •INV•“ ; r.u. „Nic.o bol•/ .inci“
Im Kontext der Sammlung
Dieses Blatt befindet sich auf Seite It/I/1/55 des Klebebandes Italien nach Sektionen I/1. Der Band ist Teil der historischen Druckgrafiksammlung Herzog Alberts von Sachsen-Teschen und seiner Gemahlin Marie Christine. Die Druckgrafiken dieser Sammlung werden in ledergebundenen Folianten verwahrt, die traditionell als „Klebebände“ bezeichnet werden. Die Sammlung als solche ist nach europäischen Kunstlandschaften gegliedert und umfasst die Bereiche Deutsch, Frankreich, Holland und die Niederlande, Italien sowie England. Der Klebeband, in welchem sich die vorliegende Seite befindet, umfasst Arbeiten aus dem Raum Italien. Er gehört in der Sammlungsstruktur zur Sektion 1, welche vornehmlich Grafiken beinhaltet, bei welchen Erfindung und druckgrafische Ausführung meist in der Hand derselben Künstlerin bzw. desselben Künstlers liegt. Es ist der 1. Klebeband dieser Sektion. Über den Bereich „Verbundene Objekte“ können Sie den gesamten Klebeband einsehen.
Die historischen Klebebände der Albertina konnten in einem umfassenden Forschungs- und Digitalisierungsprojekt erschlossen und digital zugänglich gemacht werden. Insgesamt umfasst die Sammlung der Albertina 1436 historische Folianten, davon beinhalten 749 die Druckgrafiken des herzoglichen Sammlerpaares. Mehr zum Projekt
Text

Der aus Vicenza gebürtige Holzschneider Niccolò Boldrini war möglicherweise seit Mitte der 1530er Jahre in Venedig tätig, wo er Erfindungen von Tizian in Holz schnitt und auch mit Domenico Campagnola zusammenarbeitete. Nachweisbar ist die Zusammenarbeit mit Tizian aber erst in dem 1566 datierten Clair-obscur-Holzschnitt Venus und Amor (Albertina Inv. DG2002/331). Von den etwa dreißig Blättern, die mit Boldrini in Verbindung gebracht werden (vgl. Matile 2003, S. 59), sind nur vier signiert; zwei davon sind Clair-obscur-Holzschnitte. Boldrini handhabte die Holzschneidetechnik mit großer Geschicktheit und wusste sich der Strichführung seiner Vorlagen gut anzupassen. Seine Linien laufen flexibel, bilden Taillen aus und können wie Federstriche spitz zulaufen. Die Körper umgibt zumeist ein geschlossener Kontur und gekurvte Linien deuten Rundungen an. Bei der Umschreibung der Formen tendiert er häufig zu Vereinfachungen. Da die Linien in regelmäßigen Abständen aneinandergesetzt sind, entsteht der Eindruck einer gewissen Gleichförmigkeit. Darin setzen sich Boldrinis Werke von denen Ugos ab, in denen die Linienführung feiner und subtiler ist und durch die unterschiedliche Konzentration der Strichgebilde ein größerer Spannungsreichtum entsteht. Auch die expressive Linearität der Holzschnitte von Antonio da Trento fehlt den Werken Boldrinis. In seinen Clair-obscurs fügt er zumeist nur eine Tonplatte hinzu, die er bevorzugt mit brauner Farbe druckt. Die Farbe dient ihm jedoch nicht dazu, Einzelheiten kenntlich zu machen, sondern der Darstellung eine atmosphärische Stimmung zu verleihen, in welche die Figuren gänzlich eingebettet sind. Boldrini war dabei derjenige Formschneider, der möglicherweise neben Campagnola (vgl. Albertina Inv. DG2002/329) die von Ugo da Carpi in Venedig eingeführte Technik des Chiaroscuroschnitts weitergeführt hat (Matile 2003, S. 60). Wie die Aufschrift auf dem Blatt angibt, entstand der kühn wegsprengende Reiter nach einem Entwurf von Pordenone. In ähnlich stark verkürzter Pose hat Pordenone die Gestalt des Marcus Curtius an der heute verlorenen Fassade des um 1530 bis 1535 bemalten Palazzo d’Anna in Venedig wiedergegeben (Cohen 1996, Bd. 2, Kat. 79). Es ist nicht ausgeschlossen, dass Boldrini eine Zeichnung des Künstlers in die Hände bekam, die weitläufig mit dieser Dekoration in Zusammenhang steht. Er erhielt sie jedoch nicht zwangsläufig zu Lebzeiten Pordenones (um 1483–1539), wie P. Dreyer (1971) sowie D. Rosand und M. Muraro (Washington, Dallas und Detroit 1976–1977) annahmen. Der Holzschnitt dürfte nämlich einige Zeit später entstanden sein, da er Bezüge zu dem Blatt Venus und Amor von 1566 aufweist, wie D. Landau (London 1983) festgestellt hat. Der Sprengende Reiter existiert auch im Abzug nur von der schwarzen Strichplatte, welche die Darstellung vollgültig wiedergibt (Wien 2013, Sammlung Baselitz, Abb. 86). Die Wirkung befriedigt aber erst mit zusätzlicher Tonplatte, bei der die ausgeschnittenen Lichthöhungen einen Glanz über die Gruppe breiten und die Wolkenformationen vervollständigen, wenngleich sie sich im Himmelsbereich nicht stimmig mit der Linienplatte zusammenfügen. Auf eindrucksvolle Weise bringt Boldrini die Dynamik der Bewegung durch die gerundeten Umrisslinien zum Ausdruck, was durch die plastische Spannung des Pferdes noch gesteigert wird. In den verschatteten Partien begegnen wir den für Boldrini charakteristischen Parallel- und Kreuzschraffuren, welche die Muskelpartien stark hervorheben, wodurch die Körper nahezu zergliedert werden. Ein ähnliches Motiv gibt der später besprochene Clair-obscur Marcus Curtius zu Pferd wieder (Albertina Inv. DG2002/353).  


AK: Achim Gnann, In Farbe! Clair-obscur-Holzschnitte der Renaissance. Meisterwerke aus der Sammlung Georg Baselitz und der Albertina in Wien, München 2013, Abb. 177,  S. 358.

 

Literatur: Kristeller 1910, S. 242; Reichel 1926, Taf. 43; Servolini 1932, S. 83; Tietze- Conrat 1939, S. 91; Berlin 1971, Nr. 30 (Ugo da Carpi); Washington, Dallas und Detroit 1976–1977, Nr. 73; Karpinski 1983, S. 244; London 1983, P 50 (Text v. D. Landau); Bury 2001, Nr. 131; Matile 2003, S. 59, Anm. 124

Catalogue raisonné
  • Bartsch XII.145.9
  • Le Blanc I.429.27
  • Bibliography
  • Achim Gnann, AK, In Farbe! Clair-obscur-Holzschnitte der Renaissance. Meisterwerke aus der Sammlung Georg Baselitz und der Albertina in Wien, München 2013, Nr. 177
  • Provenance
  • Mariette
  • Albertina

  • IIIF Logo IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/en/objects/135745/springender-reiterImage Request
    Last edited02.07.2021

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