Skizzenblatt mit zwei Bildnisstudien Paul Cézanne junior, einer halbfigurigen Frauenstudie, einem Badenden und einem Glas
Paul Cézanne
um 1878
Das eigenwillig angeordnete Skizzenblatt zeigt eine frühe Studie von Cézannes "Badendem mit ausgestreckten Armen", eine weibliche Halbfigur mit ausgebreiteten Armen, ein Wasserglas sowie zwei Porträts seines Sohnes Paul. Die Ansicht mit leicht schräger Kopfhaltung und lächelndem Mund wurde offenbar schon von Ambroise Vollard, dem damaligen Besitzer dieser Zeichnung, als besonders reizvoll empfunden und - isoliert von den übrigen Skizzen - als Illustration für seine 1914 erschienene Cézanne-Monographie (S. 37) verwendet. Die gleiche Abbildung wurde ein paar Jahre später auch von Meier-Graefe publiziert. Die Reproduktionen trugen wesentlich zur Verbreitung und Popularität des Bildnisses bei. Venturi nahm es daraufhin ebenfalls als Einzelstudie - offensichtlich in Unkenntnis des gesamten Skizzenblattes - in sein Werkverzeichnis auf.
Der Physiognomie nach zu schließen, dürfte Paul junior auch für den Akt mit ausgebreiteten Armen Modell gestanden haben. Die Einzelfigur stellt eine frühe Skizze zu dem Thema "Badender mit ausgestreckten Armen" dar, das Cézanne in Zeichnungen (Chappuis, Nr. 378-389, 631, 654) wie Gemälden (Venturi 1936, Nr. 259, 262, 271, 544, 549) - den Höhepunkt bildet das großformatige Ölbild in Privatbesitz (Venturi 1936, Nr. 549) - über Jahre hindurch beschäftigt hat. Reff (1960, S. 173-187) sieht in der monumentalen, isolierten Figur mit weit geöffneten Armen autobiographische Züge Cézannes widergespiegelt, wenn er sie als Symbol sexueller Befreiung aus väterlichen Zwängen und unglücklicher Ehe deutet.
Die Skizze einer weiblichen Halbfigur gehört zu einer Kaminuhr, die sich vermutlich in Cézannes Besitz befand und die er zwischen 1877 bis 1898 häufig gezeichnet hat (Chappuis 1973, Nr. 457-459, 579-583, 721, 1009, 1123). Das Originalmodell selbst konnte nicht identifiziert werden. Reff ordnet sie der Stilrichtung Louis XVI zu, möglicherweise nach einem Entwurf von Gille l´Ainée (um 1760-1790), während Chappuis von einer Uhr im Stil Charles X spricht. Cézanne hat diese, wohl eher historistische, aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stammende Kaminuhr in drei Skizzen ausführlicher wiedergegeben (Chappuis 1973, Nr. 457-459), in der Wiener Skizze verzichtet er hingegen auf die Darstellung der ganzen Figur, der Gewandpartie, von Ziffernblatt und Gehäuse, um nur Kopf, Oberkörper und die Arme, diese sehr schematisch angedeutet, festzuhalten.
zitiert aus: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Christine Ekelhart (Bearb.), Die französischen Zeichnungen und Aquarelle des 19. und 20. Jahrhunderts der Albertina. Beschreibender Katalog der Handzeichnungen in der Albertina, Bd. XI, Wien/Köln/Weimar 2007, S. 70, Nr. 27.
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