Balletteuse, an der Stange übend
Edgar Degas
Anfang 1880er-Jahre
Degas entdeckte um 1870 die Welt der Bühne und vor allem des Tanzes. Das Ballett wurde wie der Pferdesport zu einem zentralen Thema, dem er sich jahrzehntelang gewidmet hat. Degas hatte als bevorzugter Abonnent der Pariser Oper freien Zutritt in das Foyer de la Danse, dem Übungsraum der Tänzerinnen. Obsessiv beobachtet und zeichnet er nicht nur die Stars oder das Corps de Ballet auf und hinter der Bühne, sondern vor allem die Elevinnen, die "petits rats", während ihres Trainings. Was Degas im Grunde faszinierte, war die stilisierte Kunstform des Tanzes, die Künstlichkeit der Bewegungen, die in keiner Weise der Realität entsprachen. Diese suchte er bei der harten Probenarbeit, wo er die Mädchen bei den Übungen an der Stange, aber auch in den Pausen und bei alltäglichen Verrichtungen wie dem Binden der Schuhe oder dem Zurechtrücken des Kostüms festhielt. Immer wieder zeichnet Degas eine bestimmte Haltung oder Geste: "Man muß das selbe Motiv zehnmal, hundertmal neu machen. Nichts in der Kunst darf wie ein Zufall aussehen, nicht einmal die Bewegung." (aus einem Brief Degas´ an Albert Bartholomé vom 17.1.1886, zit. bei Graber 1942, S. 67)
Die Albertina-Studie zeigt eine junge Elevin beim Training an der Stange. Mit größter Ökonomie hält Degas sie in Seitenansicht bei der Übung "battements sur les pointes à la barre" fest. Seine Aufmerksamkeit zielt dabei vor allem auf den Bewegungsvorgang, den er mit Hilfe synchron nebeneinander gezeichneter Arm- und Beinpositionen - Filmsequenzen ähnlich - dem Auge aufzuschlüsseln sucht. Darüber hinaus pflegte er ein Sujet aus verschiedenen Blickwinkeln zu analysieren und wie mit einer Kamera zu umkreisen: in Rückenansicht hält Degas ein weiteres Ballettmädchen bei der gleichen Übung fest, wobei er auf diesem Blatt auch den fachspezifischen Namen notiert (Browse 1949, Nr. 76, Abb.). Dieselbe Ballerina wie auf der Albertina-Zeichnung hat Degas auch noch in sitzender Stellung während einer Erholungspause skizziert (AK St. Louis/Philadelphia/Minneapolis 1967, Nr. 100, Abb. S. 157). Diese Blätter gehören zu einer Reihe von Anfang der 1880er-Jahre entstandenen Studien, die junge Ballettelevinnen bei verschiedenen Übungen an der Stange zeigen (z.B. Browse 1949, Nr. 76-78).
zitiert aus: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Christine Ekelhart (Bearb.), Die französischen Zeichnungen und Aquarelle des 19. und 20. Jahrhunderts der Albertina. Beschreibender Katalog der Handzeichnungen in der Albertina, Bd. XI, Wien/Köln/Weimar 2007, S. 174, Nr. 76.
IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/en/objects/34041/balletteuse-an-der-stange-ubendImage Request