Innsbruck von Norden
Albrecht Dürer
um 1495
Rahmenaußenmaß 38,4 × 33,2 × 4 cm
Nach der hermetischen Abgeschlossenheit der Schlosshof-Blätter liefert Dürers etwa postkartengroße Gesamtansicht Innsbrucks ein ganz anderes Bild. Die Aussicht reicht von der Hofburg (links) bis zu der Stelle, wo die der Stadt ihren Namen gebende Innbrücke den Fluss passierbar macht. Was die topografische Genauigkeit dieses Blattes angeht, ist Folgendes festzuhalten: Zu widersprechen ist der Vermutung (Großmann 2007; dagegen ders. 2012), Dürer habe separate, von zwei unterschiedlichen Standpunkten gewonnene Gebäudestudien zu einem Ausblick auf die nördliche Stadtflanke collagiert. Die Stelle, von der aus der Künstler über den Inn blickte, ist sehr präzise zu bestimmen und liegt im Bereich des heutigen Waltherparks, gegenüber dem Haus Pfarrplatz 3. Dort, also am jenseitigen Ufer, liegt ein übergroß gezeichneter Kahn, der die Lage am Fluss anschaulich demonstriert. Dürer dehnte die spiegelnde Wasserfläche des Inns zu enormer Distanz zwischen den Ufern und zog die Stadtansicht, nach üblicher Art spätgotischer Veduten, etwas zusammen, sodass die Silhouette der turmbewehrten Stadt um einiges theatralischer wirkt, als es das mittelalterliche Panorama tatsächlich geboten haben wird. Die Berge im Hintergrund sind Glungezer und Patscherkofl, wie sie von Dürers Aussichtspunkt hinter der Innsbrucker Altstadt tatsächlich aufragen würden. G. Ulrich Großmann verdanken wir schließlich den wichtigen Hinweis, dass der hier noch mittels eines Gerüsts gesicherte Spitzhelm des Wappenturms erst 1496/97 aufgerichtet worden sein kann.
Diese Beobachtungen sind nicht unerheblich für die Beurteilung der Genese der Blätter. Dass es sich nicht um vor Ort aquarellierte, tagebuchartige Reiseskizzen handelt, liegt auf der Hand. Jüngst wurde außerdem diagnostiziert, dass die Stadtansicht in drei Etappen gemalt worden ist (Daniel Hess in: Ausst.-Kat. Nürnberg 2012, Nr. 101): erst die sehr differenziert ausgearbeitete linke Stadtpartie samt der kompletten Wasserfläche des Inns, dann in etwas glasigerem Farbauftrag und mit weniger präziser Detailzeichnung die rechte; schließlich kam die obere Hälfte des Himmels samt der aufziehenden Bewölkung darüber, um die zwei Arbeitsphasen zu kaschieren. Wo und wann immer die vorbereitenden Studien im Aquarell ausgeführt wurden – ob noch vor Ort in Innsbruck oder sogar erst in Nürnberg –, bleibt unergiebigen Spekulationen überlassen. Den drei Blättern liegen jedenfalls Aufnahmen zugrunde, die Dürer, wie wir sahen, auf dem um 1496/97 unternommenen Rückweg von Venedig skizziert hat. Schließlich ist auch das Papier eine Sorte, die Dürer erst ab den späten 1490er-Jahren verwendet hat, und zwar für Zeichnungen wie für Druckgrafik. Innsbruck war zu jener Zeit der bevorzugte Aufenthaltsort Maximilians, der sich damals erfolgreich bemühte, der Stadt auch ein repräsentatives Äußeres zu verleihen. Gerade jene mit der Person des Monarchen verbundenen Bauten sind es ja, die Dürers besonderes Interesse weckten: die unter Maximilian glanzvoll ausgebaute Hofburg, das Ensemble um die alte landesfürstliche Burg an der Innbrücke auf der Totalen, aber vor allem der Wappenturm, neben dem Goldenen Dachl das ehrgeizigste Innsbrucker Bauprojekt der Maximilianzeit. Der Stadtturm als bürgerliches Prestigeobjekt und bis heute die Dominante des Stadtbildes wird durch die im Bild inszenierte spektakuläre Vollendung des maximilianeischen Konkurrenzunternehmens in zweifachem Wortsinn in den Schatten gestellt. Weniger drei ricordi der ersten Italienreise wollen wir in Dürers Blättern also sehen, als vielmehr einen Beleg der Faszination, die der nachmalige Kaiser schon damals auf seinen später bedeutendsten Künstler ausübte.
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