Albrecht Dürer, Innsbruck von Norden, Inv. Nr.: 3056
Innsbruck von Norden
Albrecht Dürer, Innsbruck von Norden, Inv. Nr.: 3056
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Innsbruck von Norden

Albrecht Dürer

um 1495




Albrecht Dürers postkartengroße Ansicht Innsbrucks reicht von der Hofburg (links) über den eingerüsteten Wappenturm bis zur Innbrücke (rechts). Die Berge im Hintergrund sind Glungezer und Patscherkofl. Das Aquarell entstand auf Dürers Rückweg von Venedig, es handelt sich jedoch wohl um keine unmittelbar vor Ort vollendete Reiseskizze. Dürer dehnte die spiegelnde Wasserfläche aus und zog die Silhouette der turmbewehrten Stadt zu einer theatralischeren Wirkung zusammen. Wahrscheinlich ist die Stadtansicht in drei Etappen gemalt worden: erst die linke Stadtpartie samt der Wasserfläche, dann in glasigerem Farbauftrag die rechte; schließlich kam die obere Hälfte des Himmels samt der Bewölkung darüber, womöglich um die zwei Arbeitsphasen zu kaschieren.


Künstler:in (Nürnberg 1471 - 1528 Nürnberg)
Dateum 1495
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesAquarell, Spuren von Deckfarben, mit Deckweiß gehöht
Dimensions12,7 × 18,7 cm (5 × 7 3/8 in.)
Rahmenaußenmaß 38,4 × 33,2 × 4 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number3056
InscribedR.o. eigenhändig beschriftet: "I[n]sprug" (über dem "s" n-Sigel); rechts daneben von fremder Hand Dürer-Monogramm "AD"
Markingsl.u. Herzog Albert von Sachsen-Teschen (Lugt 174)
WatermarkKleine Krone mit abwärts hängendem Kreuz und Dreieck (Briquet 4773 [nachgewiesen 1499-1504]; Strauss S. 3283 [verwendet 1494-1495, 1503]; Meder 24 [verwendet für frühe Holzschnitte, auch Große Passion und Apokalypse])
Text
Am 7. Februar 1506 schrieb Albrecht Dürer aus Venedig an Willibald Pirckheimer: »… Vnd daz ding, daz mir vor eilff joren so woll hatt ge­fallen, daz gefelt mir jcz nüt mer.« Man schloss daraus auf einen Aufent­halt in Venedig genau elf Jahre zuvor, also 1495, und sah sich bestätigt durch eine Reihe aufwendig ausgearbeiteter Landschaftsaquarelle, die das Itinerar einer Alpenüberquerung, von Innsbruck bis zum Gardasee, rekonstruieren lassen. Auf der Reise in den Süden, so die lange gängige Forschungsmeinung, habe Dürer in Innsbruck Station gemacht und Eindrücke der Stadt und ihrer prachtvollen Bauten in drei Aquarellen festgehalten: eine Stadtvedute von Norden (Inv. 3056) und zwei Ansichten der lan­desherrlichen Hofburg (Inv. 3057, Inv. 3058).

Die beiden Ansichten desselben, aber von gegenüberliegenden Standpunkten aus aquarellierten Burghofes (Inv. 3057, Inv. 3058) zeigen viele architektonische Details, die für die Baukunst der Innsbrucker Spätgotik charakteristisch sind (wie etwa die Wellenkonsolen) und sich sogar als Spolien in der radikal barockisierten Hofburg erhalten haben (dazu Kunsttopographie 1986). Beide Male versetzt uns Dürer in den großen südlichen Hof, der von den Hofburgbauten Herzog Sigismunds flankiert wird: dem Ost­trakt der Burg mit seinem fünfseitigen Türmchen mit der bekrönenden Georgsstatue (in der Ansicht »mit Wolken« rechts), dem Torturm zur Hofgasse (im Hintergrund der Ansicht »ohne Wolken«) und dem mit Fachwerk aufgestockten »Neuen Frauenzimmer« (im Hintergrund der Ansicht »mit Wolken«), das Maximilian I. vielleicht 1494 aus Anlass der Hochzeit mit Bianca Maria Sforza am »Kleinen Burghof« errichten ließ und das wir auch auf Dürers Stadtansicht ganz links erkennen können. Auffallenderweise fehlt der 1494 abgebrannte Saggenturm ebenso wie der in den folgenden zwei Jahren unmittelbar östlich davon errichte­te Wappenturm – doch blieb bislang unbemerkt, dass auf der Ansicht »ohne Wolken« hinter dem Fünfseitturm der Umriss eines wesentlich mächtigeren Turmhelms erscheint, nämlich derjenige des Wappentur­mes, so wie ihn Dürer auch in der Stadtansicht zeigt. Offenbar präsen­tiert uns der Künstler also hier einen Zustand, wie er ihn erst auf der Rückreise um die Jahreswende 1496/97 vorfinden konnte, hat zuguns­ten einer besseren Lesbarkeit der Burgsilhouette aber schließlich auf eine komplette malerische Ausführung verzichtet. Wohl aus demselben Grunde wurde auf dem Blatt »mit Wolken« ein bereits schwach skizzier­ter Befestigungsturm links des »Frauenhauses« eliminiert.

Trotz der unglaublichen Präzision in der Wiedergabe des Gesehe­nen haftet den Blättern etwas Unwirkliches, Kulissenhaftes an: Dazu geben der erhöhte Horizont – der Augenpunkt liegt etwa zwischen 1. und 2. Stockwerk –, die penible Ordnung und Leere des Hofs, die wie zufällig inszenierten Durchblicke in dahinterliegende Höfe und Gassen, der Ausschluss von Baulichkeiten jenseits der Burgmauern, die reduzier­te Farbigkeit, die inkongruenten Perspektivlinien und die erwähnten Freiheiten in der Darstellung das Übrige.

Nach der hermetischen Abgeschlossenheit der Schlosshof-Blätter liefert Dürers etwa postkartengroße Gesamtansicht Innsbrucks ein ganz anderes Bild. Die Aussicht reicht von der Hofburg (links) bis zu der Stelle, wo die der Stadt ihren Namen gebende Innbrücke den Fluss passierbar macht. Was die topografische Genauigkeit dieses Blattes an­geht, ist Folgendes festzuhalten: Zu widersprechen ist der Vermutung (Großmann 2007; dagegen ders. 2012), Dürer habe separate, von zwei unterschiedlichen Standpunkten gewonnene Gebäudestudien zu einem Ausblick auf die nördliche Stadtflanke collagiert. Die Stelle, von der aus der Künstler über den Inn blickte, ist sehr präzise zu bestimmen und liegt im Bereich des heutigen Waltherparks, gegenüber dem Haus Pfarr­platz 3. Dort, also am jenseitigen Ufer, liegt ein übergroß gezeichneter Kahn, der die Lage am Fluss anschaulich demonstriert. Dürer dehnte die spiegelnde Wasserfläche des Inns zu enormer Distanz zwischen den Ufern und zog die Stadtansicht, nach üblicher Art spätgotischer Veduten, etwas zusammen, sodass die Silhouette der turmbewehrten Stadt um einiges theatralischer wirkt, als es das mittelalterliche Panorama tatsäch­lich geboten haben wird. Die Berge im Hintergrund sind Glungezer und Patscherkofl, wie sie von Dürers Aussichtspunkt hinter der Innsbrucker Altstadt tatsächlich aufragen würden. G. Ulrich Großmann verdanken wir schließlich den wichtigen Hinweis, dass der hier noch mittels eines Gerüsts gesicherte Spitzhelm des Wappenturms erst 1496/97 aufgerich­tet worden sein kann.


Diese Beobachtungen sind nicht unerheblich für die Beurteilung der Genese der Blätter. Dass es sich nicht um vor Ort aquarellierte, tagebuchartige Reiseskizzen handelt, liegt auf der Hand. Jüngst wurde außerdem diagnostiziert, dass die Stadtansicht in drei Etappen gemalt worden ist (Daniel Hess in: Ausst.-Kat. Nürnberg 2012, Nr. 101): erst die sehr differenziert ausgearbeitete linke Stadtpartie samt der komplet­ten Wasserfläche des Inns, dann in etwas glasigerem Farbauftrag und mit weniger präziser Detailzeichnung die rechte; schließlich kam die obere Hälfte des Himmels samt der aufziehenden Bewölkung darüber, um die zwei Arbeitsphasen zu kaschieren. Wo und wann immer die vorbereitenden Studien im Aquarell ausgeführt wurden – ob noch vor Ort in Innsbruck oder sogar erst in Nürnberg –, bleibt unergiebigen Spekulationen überlassen. Den drei Blättern liegen jedenfalls Aufnah­men zugrunde, die Dürer, wie wir sahen, auf dem um 1496/97 unter­nommenen Rückweg von Venedig skizziert hat. Schließlich ist auch das Papier eine Sorte, die Dürer erst ab den späten 1490er-Jahren verwendet hat, und zwar für Zeichnungen wie für Druckgrafik. Innsbruck war zu jener Zeit der bevorzugte Aufenthaltsort Maximilians, der sich da­mals erfolgreich bemühte, der Stadt auch ein repräsentatives Äußeres zu verleihen. Gerade jene mit der Person des Monarchen verbundenen Bauten sind es ja, die Dürers besonderes Interesse weckten: die unter Maximilian glanzvoll ausgebaute Hofburg, das Ensemble um die alte landesfürstliche Burg an der Innbrücke auf der Totalen, aber vor allem der Wappenturm, neben dem Goldenen Dachl das ehrgeizigste Inns­brucker Bauprojekt der Maximilianzeit. Der Stadtturm als bürgerliches Prestigeobjekt und bis heute die Dominante des Stadtbildes wird durch die im Bild inszenierte spektakuläre Vollendung des maximilianeischen Konkurrenzunternehmens in zweifachem Wortsinn in den Schatten ge­stellt. Weniger drei ricordi der ersten Italienreise wollen wir in Dürers Blättern also sehen, als vielmehr einen Beleg der Faszination, die der nachmalige Kaiser schon damals auf seinen später bedeutendsten Künst­ler ausübte.


Hrsg. Eva Michel und Maria Luise Sternath, Kaiser Maximilian I. und die Kunst der Dürerzeit, Wien 2012, Abb. 6, S. 140-141.

Catalogue raisonné
  • Tietze/Tietze-Conrat 1933, 36
  • Winkler 66
  • Strauss 1495/44
  • Bibliography
  • Dreger 1934
  • AK Albertina 1971, Nr. 7
  • Koschatzky 1971, Nr. 7
  • Herrmann-Fiore 1971/72, S. 125, Abb. 2
  • Kristina Herrmann Fiore, Dürers Landschaftsaquarelle. Ihre kunstgeschichtliche Stellung und Eigenart als farbige Landschaftsbilder, Bern/Frankfurt am Main 1972
  • Kunsttopographie 1986, S. 26, Nr. 1, S. 57-59, 82, Nr. 1, 2
  • Dossi 1998, Tafel 2
  • Koreny 1999, S. 240
  • AK Oslo 2002, Nr. 2
  • AK Albertina 2003, Nr. 15 ( H. Widauer)
  • Grebe 2006, S. 42 f.
  • Großmann 2007, S. 230-235, 239
  • Schröder 2008, Nr. 3 (H. Widauer)
  • Anne-Marie Bonnet und Gabriele Kopp-Schmidt, Die Malerei der deutschen Renaissance, München 2012, S. 61, 64, mit Abb. 99
  • AK Nürnberg 2012, S. 222–224 (G. Ulrich Großmann), 402–403, 410, Nr. 101 (Daniel Hess)
  • AK Albertina 2012, Kat. 6, S. 140 (Ch. Metzger)
  • AK Washington 2013, S. 84-84, unter Nrn. 16, 17 (Chr. Metzger)
  • Georg Dietz u. a., Dürer's Early Master Drawings. A Technical Analysis of his Inks and Papers, in: Journal of Paper Conservation, 14, 2013, Nr. 3, S. 5-14, hier S. 9
  • Franz Schönthaler, Spanischer Saal Schloss Ambras: Ein Hintergrund, in: Conservatum est. Festschrift für Franz Caramelle zum 70. Geburtstag, Innsbruck 2014, S. 419-428, hier S. 419, mit Abb. 1 (zur Bergkette im Hintergrund)
  • Nicole Riegel, Bausteine eines Residenzprojekts. Kaiser Maximilian I. in Innsbruck, in: Herbert Karner, Ingrid Ciulisová und Bernardo J. García García (Hg.), The Habsburgs and their Courts in Europe, 1400–1700 (PALATIUM e-Publications, Volume 1), 2014, S. 28-45, hier bes. S. 28-29
  • G. Ulrich Großmann , Dürer in Innsbruck. Neue Erkenntnisse und ihre Rezeption, in: G. Ulrich Großmann (Hg.), Ausst.-Kat. Abenteuer Forschung, Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum 2019/20, Nürnberg 2019, S. 155-157, S. 229, Nr. 11 („um 1495/1500“)
  • Nicole Riegel, Zwischen Präsentation und Pragmatik. Maximilians I. Bautätigkeit an der Innsbrucker Hofburg, in: Marburger Jahrbuch für Kunstwissenschaft, 45 (2018), 2019, S. 107-138
  • Nicole Riegel, Zur Baugeschichte der Innsbrucker Hofburg unter Maximilian I., in: Monika Frenzel, Christian Gepp und Markus Wimmer (Hrsg.), Maximilian 1. Aufbruch in die Neuzeit (zugl. Ausst.-Kat. Hofburg Innsbruck), Innsbruck 2019, S. 44–51
  • AK Albrecht Dürer, Albertina, Wien 2019, S. 449, Kat. 36
  • AK Dürerzeit. Österreich am Tor zur Renaissance, hg. von Stella Rollig und Björn Blauensteiner, Belvedere, Köln 2021, S. 56, Kat. 1
  • Anja Grebe, Albrecht Dürer. Der Künstler und seine Zeit, Berlin 2025, S. 34-35
  • Provenance
  • wohl Kaiser Rudolf II.
  • Kaiserliche Schatzkammer
  • seit 1783 Kaiserliche Hofbibliothek
  • 1796 an Herzog Albert von Sachsen-Teschen
  • (Kein Hinweis auf Hofbibliothek im Alten Cahier III)
  • Online resources
    IIIF Logo IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/en/objects/38984/innsbruck-von-nordenImage Request
    Last edited24.06.2026

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