Blick in die Alservorstadt
Rudolf von Alt
1872
Rahmenaußenmaß 50,1 × 61,1 × 4,4 cm
Schon früh begann Rudolf von Alts Entwicklung zum herausragenden Vedutisten und Aquarellmaler sowie zu einem der namhaftesten österreichischen Künstler des 19. Jahrhunderts überhaupt. Das Studium an der Wiener Akademie (seit 1826) war nur eine Episode. Entscheidend war, dass er seinen Vater #Jakob Alt seit 1828 ständig auf dessen Reisen durch die österreichische Monarchie begleitete, von ihm lernte und bald auch sein Mitarbeiter wurde. Im Lauf der 1830er-Jahre löste er sich allmählich vom Vorbild des Vaters und fand seinen eigenen Stil. Sein akribischer Realismus, der sich vor allem an komplexen Architekturstücken mit schwierigen Perspektiven und überreichen Details übte, war zugleich mit einer außerordentlichen Sensibilität für die malerische Erscheinung der Dinge unter freiem Himmel wie im Interieur verbunden. Unterschwellig durchbrach er damit fast von Anfang an gewisse Darstellungskonventionen, sozusagen die Welt der allgemein anerkannten Sehenswürdigkeiten. Explizit persönliche Standpunkte wagte er allerdings erst seit den 1870er-Jahren auch in ausgeführten Werken zu formulieren.
Das vorliegende Aquarell ist dafür ein charakteristisches Beispiel. Das Motiv ist die unmittelbare Umgebung der Wiener Wohnung des Künstlers. In der Alservorstadt, im heutigen achten Wiener Gemeindebezirk, waren die Alts schon seit 1810, als Jakob Alt von Frankfurt am Main her zureiste, ansässig. An einem sonnigen Tag schaut Rudolfs Tochter Louise aus dem zweiten Stock des 1841 von ihren Eltern bezogenen Zinshauses, des "Kleinen Bernardhofs", hinunter auf die Straße (heutige Skodagasse) und auf das gegenüberliegende Gebäude, wo Vater und Großvater zwischendurch ebenfalls gelebt hatten. Alles geht seinen gewohnten Gang. Die Wäsche ist gemacht. Kinder, eine Frau und ein großer Hund sind herausgekommen. Ein Fuhrwerker packt an. Dachdecker sind da und dort mit Reparaturarbeiten beschäftigt. Ein außenstehender Beobachter würde eine solch alltägliche Szene vielleicht gar nicht bemerken. Alt wählt einen fast schnappschussartig knappen Ausschnitt und führt durch mächtige Raumsprünge in das Bild hinein, um dessen vitale Wirklichkeitsnähe zu manifestieren. Zugleich ist das Ganze durch das Licht und die Atmosphäre auf ruhige Weise zusammengefasst.
Maren Gröning, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 177.
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