Albrecht Dürer, Die Anbetung der Könige, Inv. Nr.: 4837
Die Anbetung der Könige
Albrecht Dürer, Die Anbetung der Könige, Inv. Nr.: 4837
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Die Anbetung der Könige

Albrecht Dürer

1524




In den 1520er-Jahren wandte sich Dürer erneut dem Thema der Passion Christi zu. Davon zeugen mehrere Federzeichnungen, die in einem Zeitraum von etwa vier Jahren entstanden und durch ein ähnliches Format miteinander verbunden sind. Das Querformat ermöglicht eine Verteilung der Akteure in einem größeren Bildraum und erlaubt dem Künstler, das Bildgeschehen wie auf einer Bühne auszubreiten. Das Konzept dürfte ein unmittelbarer Reflex der Kunst sein, die Dürer während seiner Reise in die Niederlande sah, war doch das Querformat die bevorzugte Bildform etwa Lucas van Leydens.

Die Forschung geht bislang mehrheitlich davon aus, dass Dürer diese Blätter im Hinblick auf eine Umsetzung in der Druckgrafik erarbeitete und einen weiteren Holzschnitt- oder Kupferstichzyklus zur Passion plante. Die ähnlich konzipierte Anbetung der Könige legt den Schluss nahe, Dürer habe auch eine Kindheit-Jesu-Serie geplant. Die über viele Jahre andauernde Arbeit an einem druckgrafischen Zyklus war für Dürer zwar nicht ungewöhnlich. Die Zeichnungen jedoch, die teilweise die gleichen Themen auf unterschiedliche Weise umsetzen, weisen eher auf ein Experimentieren mit unterschiedlichen Kompositionsmöglichkeiten und die Produktion von Motiven für den Werkstattvorrat hin.



Dürer once again turned to the theme of the Passion of Christ in the 1520s. The results of this occupation are evident in a group of pen and ink drawings made over a period of about four years that are related to each other through their similar format. These landscape format works enable a distribution of the protagonists across a larger pictorial space and permit the artist to spread out the depiction of the events as if on a stage. This concept can be seen as a direct response to artworks Dürer saw during his travels through the Netherlands, for example by Lucas van Leyden, who favored the horizontal format.

Scholarship has for the most part assumed that Dürer produced these works with a view to making a new cycle of Passion scenes, either as woodcuts or engravings. The similarly conceived Adoration of the Magi suggests that Dürer was also planning a series devoted to the Childhood of Christ. It was not unusual for Dürer to spend years working on a cycle of prints. However, the drawings featuring different solutions to the same scene rather speak for experiments with various compositional possibilities and the production of motifs for his stock of workshop models.

 



Künstler:in (Nürnberg 1471 - 1528 Nürnberg)
Date1524
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesFeder in Grau und Schwarz, die Gaben der Könige zart gelb koloriert (vermutlich von späterer Hand)
Dimensions21,3 x 29,2 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number4837
Signedl.u. "1524" und Dürer-Monogramm "AD"
Markingsl.u. Herzog Albert von Sachsen-Teschen (Lugt 174)
WatermarkBekröntes Wappen mit L und zwei Lilien sowie angehängtem Buchstaben "b" (Briquet 8288-8291 [nachgewiesen ab 1509]; Meder 314 [verwendet 1521-1526]; Strauss S. 3281-3282 [verwendet 1520-1527])
Text

Nach Matthäus (2, 1-12) erkannten Magier aus dem Morgenland durch einen Stern eine Königsgeburt. Das strahlende Licht des Sternes führte sie13 Tage nach der Geburt Jesu zu dem neugeborenen Kind nach Bethlehem. Sie beteten das Kind wie einen König an und brachten ihm Geschenke. Im Mittelalter stellte man sich die Besucher als Könige vor, als Gaben erscheinen kostbare Gefäße. Sie erhielten die Namen Caspar, Melchior und Balthasar und wurden wie Heilige verehrt. Gegen 1300 setzt in der Kunst die dramatische Ausgestaltung der Anbetung der Könige ein, in deren Zuge auch der Schauplatz realistisch als Haus, Hütte, Synagoge oder Ruine, die der Davidspalast sein kann, ausgestaltet wurde.
Auch Dürer hatte die Anbetung der Könige mehrfach bearbeitet, um 1503 als Holzschnitt im Zusammenhang mit dem "Marienleben" (vgl.: Inv. DG1934/405), 1504 als Gemälde (A. 82), - heute in den Uffizien - und 1511 wiederum als Holzschnitt (Bartsch 7, 3). 1524 fasste er das Thema schließlich in der vorliegenden Zeichnung.
Wahrscheinlich ist die Zeichnung im Zusammenhang mit einer Reihe von Studien für eine geplante Passion im Querformat entstanden und sollte diesem Zyklus als Präludium vorangestellt werden. Dafür sprächen das Querformat, das hier wie da vorkommt, aber ansonsten für Dürers Werk ungewöhnlich ist, und die in Parallelschraffuren, nahezu ohne Kreuzlagen, virtuos ausgeführte Zeichnung,  die eine Umsetzung in den Holzschnitt vereinfachen würde.
Auf dem langrechteckig genommenen halben Bogen breitet sich die Komposition episch über die Fläche aus: Die Gaben bringenden Könige haben sich von rechts der Heiligen Familie genähert, die jene auf dem steinernen Vorplatz eines Architekturensembles empfängt. Der Darstellungstradition entsprechend kniet der vorderste König adorierend vor dem Kinde, während sich der zweite, besonders prunkvoll gekleidete König in großer Geste dem noch heranschreitenden Mohren zuwendet, diesen an den Arm nimmt und herbeiführt. Sein Weihrauchgefäß, eine so genannte Greifenklaue, stellt kompositorisch die Verbindung zur verhüllten, mit gesenktem Blick dasitzenden Muttergottes dar, die das Kind auf ihrem Schoße präsentiert. Wie bereits auf dem 1520 datierten Kupferstich "Die Jungfrau mit dem Wickelkind" (Bartsch 7, 38) dienen der verhaltene Ausdruck der Mutter und das in Windeln gewickelte Kind als ahnungsvolle Vorboten der Versinnbildlichung der Passion. Ein an eine Tumba erinnernder Aushub im Vordergrund gemahnt an die Grablegung Christi. Auch die Fensterkreuze im Dach wurden in diese Richtung hin interpretiert. Hinzu kommt hier die kühle Atmosphäre des Architekturgrundes, der die Familie in enger Rahmung überhöht.
Die Komposition steht im Zenit von Dürers Spätstil. Mit Leichtigkeit vereint sie frühere Motive Dürers - wie den nun ins Profil gewandten Mohrenkopf der Albertina-Studie (Inv. 3122) - mit Anregungen aus von Bildern alter Meister, die ihm auf seiner niederländischen Reise begegnet sind. Als Vorbild genannt wurden unter anderem für den knienden Weisen #Stephan Lochners "Dreikönigsaltar", den Dürer in der Kapelle des alten Rathauses zu Köln besichtigte, für das Stellungsmotiv des zweiten Königs die Darstellung der "Heiligen Drei Könige" von #Justus van Gent, heute in der George Blumenthal Collection, New York, und für den Mohrenkönig #Hans Memlings Altar, der sich heute im Prado, Madrid befindet. Die sprießenden Blumen und das strohgedeckte Dach der Hütte mit den Sprossenfenstern wurden auf #Rogier van der Weydens "Columba-Altar" aus Köln, heute in der Alten Pinakothek, München, zurückgeführt. Möglicherweise ließ sich Dürer zu der Tumba vor Mutter und Kind ebenfalls durch den "Columba-Altar" anregen. Dort versinnbildlichen die kellerartigen Öffnungen am unteren Bildrand die Geburtshöhle in Bethlehem.

Albrecht Dürer, Ausstellungskatalog, hg. von K. A. Schröder und M. L. Sternath, Albertina, Wien 2003, Abb. 184, S. 520.

Catalogue raisonné
  • Tietze/Tietze-Conrat 1933, 158
  • Winkler 892
  • Strauss 1524/5
  • Bibliography
  • AK Albertina 1971, Nr. 138
  • AK Berlin 1983, Nr. B 51
  • AK Tokio 1991, Nr. 9
  • AK Paris 1991, Nr. 9
  • AK Albertina 2003, Nr. 184 (A. Scherbaum)
  • AK Madrid 2005, S. 294-296, Nr. 81 (A. Scherbaum)
  • AK Washington 2013, S. 278-279, Nr. 113 (A. Scherbaum)
  • AK Albrecht Dürer, Albertina, Wien 2019, S. 464, Kat. 202
  • Heather Madar, Albrecht Dürer and the Depiction of Cultural Differences in Renaissance Europe, New York/London 2023, S. 97-105
  • Provenance
  • wohl Kaiser Rudolf II.
  • Kaiserliche Schatzkammer
  • seit 1783 Kaiserliche Hofbibliothek
  • 1796 an Herzog Albert von Sachsen-Teschen
  • Online resources
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    Last edited24.01.2025