Giovanni Ricamatore, gen. Giovanni da Udine, Sieben Studien von Adlern und Kranichen, Verkündig…
Sieben Studien von Adlern und Kranichen, Verkündigungsszene
Giovanni Ricamatore, gen. Giovanni da Udine, Sieben Studien von Adlern und Kranichen, Verkündigungsszene, Inv. Nr.: 48641
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Sieben Studien von Adlern und Kranichen, Verkündigungsszene

Giovanni Ricamatore, gen. Giovanni da Udine

1515 - 1517




Künstler:in (Udine 1487 - 1561 Rom)
Date1515 - 1517
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesFeder und Tinte, Wasserfarbe, Unterzeichnungen in schwarzer Kreide
DimensionsBlatt: 31,8 × 41,8 cm
Rahmenaußenmaß: 58,6 × 69 × 4 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number48641
Markingsr.u. Rudolf Philip Goldschmidt (L. 2926)
Text

Das großformatige Blatt vereint fünf Studien von Greifvögeln im Flug, vermutlich Adler, mit zwei Kranichstudien sowie einer Verkündigungsszene am oberen Blattrand, die in einen architektonischen Rahmen eingefasst ist. Die Studien wurden von Giovanni da Udine (1487–1561) angefertigt, der höchstwahrscheinlich ab Ende 1514 oder Anfang 1515 Teil der Werkstatt von Raffael (1483–1520) in Rom war. In diese Zeit kann auch das Skizzenblatt datiert werden, bieten doch die zwei Kraniche und ihre Verbindung zu der Komposition des „Wunderbaren Fischzuges“ hierbei einen konkreten Anhaltspunkt: Papst Leo X. beauftragte Raffael mit der Tapisserieserie der Apostelgeschichte, die sich Episoden aus dem Leben von Petrus und Paulus widmet und für die Sixtinische Kapelle vorgesehen war. Zehn großformatige Kartons (Royal Collection, aufbewahrt im V&A London) dienten als Vorlagen für die Weber in der Tapisseriemanufaktur von Pieter van Aelst in Brüssel (siehe Evans/Browne/Nesselrath 2010). Raffael bereitete die Kartons in zahlreichen Vorzeichnungen vor. Für den „Wunderbaren Fischzug“, die erste Geschichte aus dem petrinischen Zyklus, hat sich ebenso ein Blatt erhalten, das sich in der Albertina befindet (Inv.-Nr. 192r + v). Es zeigt vorderseitig eine Menschenmenge am Ufer, während auf dem See Christus, Petrus, Andreas und drei weitere Fischer in zwei Booten zu erkennen sind. Bei der pentimentireichen Komposition der Rückseite zog Raffael die Bootszene in den Vordergrund, wohingegen die Menschen an das weitentfernte Ufer im Hintergrund gerückt wurden. Dadurch wurde der Uferstreifen im Vordergrund frei, der im Karton von Giovanni da Udine mit den drei symbolträchtigen Kranichen, die für Wachsamkeit stehen (Naturgeschichte von Plinius, Buch X, 30; Shearman 1972, Abb. 38) gefüllt wurde. Zwei dieser drei Kraniche sind auf der Vorderseite der Albertina-Zeichnung wiederzufinden; sogar der Uferstreifen samt kleiner Pflanzen aus Karton respektive Tapisserie wird durch schnelle Striche angedeutet, wodurch die Kraniche eindeutig verortet werden.

Die Studien der Kraniche und Adler wurden zuerst mit schwarzer Kreide in schnellen Skizzen vorbereitet und anschließend mit nur geringfügigen Änderungen in Feder und brauner Tinte festgehalten (für Unterzeichnungen siehe Infrarotaufnahme in Mohr 2021, S. 348, Abb. 8). Und auch ein Vergleich mit den Infrarotaufnahmen des Kartons zeigt, dass sich die Vorzeichnungen kaum von der mit Deckfarben kolorierten Kartonkomposition unterscheiden und durch einen freien Strich gekennzeichnet sind, was gegen eine Übertragung von der Vorzeichnung auf den Karton mit Hilfe von Quadrierung, Griffel oder Spolvero spricht (Mohr 2021, S. 350, Abb. 10).

 

Rückseitig befinden sich ebenfalls Studien, die aufgrund der Montierung nur mittels Durchlichtaufnahmen sichtbar werden (siehe Mohr 2021, S. 348, Abb. 6 für die Rückseite). Durch eine doppelte Papierverstärkung rechts sind die Kartuschen und ein Groteskenkopf auf dieser Seite kaum zu erkennen. Auf der linken Blatthälfte befinden sich zwei weitere Kraniche sowie die Studie eines Katzenkopfes. Während der eine Kranich am oberen Blattrand im Flug studiert wurde und keiner ausgeführten Komposition zugeordnet werden kann, handelt es sich bei dem stehenden Kranich um jenen dritten Vogel im Karton zum „Wunderbaren Fischzug“, der auf Recto fehlt. Die langen schwungvollen Linien, aus denen sich das Schwanzgefieder der Vogelstudien zusammensetzt, sind mit jenen Blättern Giovannis aus Stockholm zu vergleichen, die ebenfalls in Feder und Tinte in dynamischen Bewegungsstudien festgehalten sind (Nationalmuseum, Inv.-Nr. NMH 392/1863 und NMH 393/1863).

Das große Format des Blattes, die thematisch verschiedenen Motive auf Vorder- und Rückseite, die deutlich sichtbare Mittelfaltung sowie die vorhandenen Löcher, die auf eine vormalige Bindung hinweisen, lassen darauf schließen, dass es sich um ein Blatt aus einem Skizzenbuch handelt. Es besteht die Möglichkeit, dass es zu einem Skizzenbuch Giovannis gehörte, das bereits von Giorgio Vasari erwähnt wird: „Größte Freude aber bereitete ihm das Zeichnen aller Arten von Vögeln, mit denen er innerhalb kurzer Zeit ein so abwechslungsreiches und schönes Buch füllte, daß Raffael größtes Vergnügen und Kurzweil damit hatte.“ („Das Leben des Malers Giovanni da Udine“, in: Die Künstler der Raffael-Werkstatt, hg. v. Christina Irlenbusch, Berlin 2004, S. 90). Neben der Spezialisierung auf Tier- und Pflanzenstudien – die in besonderer Pracht in der Deckendekoration der Villa Farnesina zu finden sind – widmete sich Giovanni da Udine der Perfektion von Stuckarbeiten all’antica, nachdem er jene Stucchi und Grotteschi im antiken Palast Neros, der Domus Aurea, erkundigt hatte. Zwar erinnert die Verkündigungsszene des Albertina-Blattes in seiner Zweiteilung in Zwickel – auf der einen Seite die Jungfrau Maria an ihrem prie-dieu sitzend, auf der anderen der Erzengel Gabriel, der mit wehendem Gewand und eine Lilie haltend die Szene betritt – an Ausführungen in Stuck aus den Vatikanischen Loggien. Allerdings wäre eine aquarellierte Vorbereitung samt gelber Rahmung, grauer Bildarchitektur sowie Resten eines roten Gewandes Mariä für ein weißes Stuckornament mit allenfalls einfarbigem Hintergrund nicht erforderlich.

Mit Ausnahme der Kranichstudien auf Vorder- und Rückseite, die ein bedeutendes Zeugnis für die Beteiligung der Werkstatt an Raffaels Tapisserieentwürfen darstellen, lassen sich die übrigen Studien bisher keinen konkreten ausgeführten Werken zuordnen. Vielmehr stehen sie für das repertoirehafte Arbeiten Giovanni da Udines, dessen Tier- und Pflanzenstudien nahelegen, dass diese zu einem wiederholten Gebrauch in verschiedenen Kontexten intendiert waren.

Bibliography
  • John Shearman, Raphael's Cartoons in the Collection of Her Majesty the Queen and the Tapestries for the Sistine Chapel, London 1972, S. 96, Fig. 40
  • Arnold Nesselrath, Giovanni da Udine disegnatore, in: Bolletino/Monumenti, Musei e Gallerie Pontificie, Edizioni Musei Vatacani, Città di Vaticano, Vol. 9, 1989, S. 237–291, insbesondere S. 282, Abb. auf S. 283
  • Old Master Drawings including Leonardo da Vinci’s Horse and Rider. Tuesday 10 July 2001, Auktionskatalog Christie’s London, London 2001, S. 33–34, Nr. 21
  • Mark Evans, Clare Browne mit Arnold Nesselrath (Hg.), Raphael. Cartoons and Tapestries for the Sistine Chapel, London 2010, S. 70
  • Alexandra Enzensberger (Hg.), Apostel in Preußen. Die Raffael-Tapisserien des Bode-Museums, Dresden 2020, S. 28
  • Larissa Mohr, in: Raffael. Macht der Bilder. Die Tapisserien und ihre Wirkung, Ausst. Kat. Staatliche Kunstsammlung Dresden, Columbus Museum of Art, Ohio, 2020-2021, S. 54-57
  • Liliana Cargnelutti, Caterina Furlan (Hg.), AK, ZVAN DA VDENE FVRLANO: Giovanni da Udine tra Raffaello e Michelangelo, Udine 2021, S. 23 und 184, unter Nr. I.5
  • Larissa Mohr, "A Rediscovered Drawing by Giovanni da Udine", in: Master Drawings, vol. 59, number 3, 2021, S. 345-360
  • Katja Schmitz-von Ledebur, AK, Raffael. Revolution des Tapisseriedesign, Veurne 2023, S. 22, Abb. 11.
  • Provenance
  • Sammlung Colbrandi
  • Sammlung Brigeleben
  • R. P. Goldschmidt (L. 2926)
  • Kat. d. Verst. Sotheby`s, 7.-10. Dezember 1920, Lot Nr. 348 (als Giovanni da Udine aus Vasaris Libro de'disegni)
  • Englischer Privatbesitz
  • Online resources
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    Last edited16.11.2023