Sitzender Mädchenakt mit Hemd über dem Kopf
Egon Schiele
1910
Die drei Zeichnungen Inv. 31001r, Inv. 27944r und Inv. 30996r sind während einer einzigen Sitzung entstanden und zeigen dasselbe Modell, das eine sequenzhafte Drehung vor dem Betrachter vollzieht.
In Inv. 30996r ist die Dargestellte schräg zurückgelehnt, ihr Umriss wird mit Deckweiß nachgezogen. Einerseits unterstreicht Schiele damit die expressive Kontur des Mädchens, andererseits sieht man an dem Strahlenkranz, der den Kopf hinterfängt, dass für ihn das Deckweiß auch das Licht versinnbildlicht, das nach seinen Worten »aus den Körpern strömt und die Doppelnatur des Menschen symbolisiert«. Egon Schiele ist beeindruckt vom Spiritismus seiner Zeit: Durch seine Freunde aus der Neukunstgruppe lernt er die Theosophie Rudolf Steiners kennen. Er beschäftigt sich mit okkulten Phänomenen wie der Verdoppelung und Vermehrfachung der Person, mit Geistererscheinungen und insbesondere immer wieder mit dem vom Körper ausstrahlenden, inneren Licht.
Aufgrund der stilistischen Verwandtschaft darf angenommen werden, dass das Blatt mit mindestens neun weiteren Zeichnungen während einer einzigen Sitzung entstanden ist: fünf Rückenansichten, ebenso viele von vorne. Die schräg in die Tiefe liegende Frau (Inv. 30996r) und der "Sitzende Mädchenakt mit Hemd über dem Kopf" (Inv.31001r) fallen kompositorisch aus der Gruppe heraus.
Der "Sitzende Mädchenakt mit Hemd über den Kopf" ist eine ungewöhnliche Komposition. Auf den beiden hart abgewinkelten Beinen sitzt der Säulenstumpf des Oberkörpers mit dem zyklopenhaften, blutroten Auge der rechten Brustwarze. Über diesem Torso hängt wie ein barock drapierter durchsichtiger Vorhang das Hemd: von keinen Armen gestützt, von keinen Händen gehalten.
Klaus Albrecht Schröder (Autor und Hg.), Egon Schiele (Kat. Ausst., Albertina, Wien 2005/2006), München, Berlin, London, New York 2005, S. 142.
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