Egon Schiele, Schwarzhaariger Mädchenakt, Inv. Nr.: 30892
Schwarzhaariger Mädchenakt
Egon Schiele, Schwarzhaariger Mädchenakt, Inv. Nr.: 30892
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Schwarzhaariger Mädchenakt

Egon Schiele

1910




Dem hier dargestellten schwarzhaarigen Mädchen galt Schieles besondere Aufmerksamkeit: Sowohl 1910 als auch 1911 zeichnet der Künstler häufig dieses junge Modell, das sich in unterschiedlichsten Posen kokett dem Betrachter präsentiert.

Schiele akzentuiert Mund, Brustwarzen und Schamlippen leuchtend rot inmitten des grau-schwarzen Körpers. Das Mädchen, das den Betrachter anblickt, scheint trotz seines zarten Alters um seine Macht der Verführung zu wissen. Die ausladende Hüfte, die sanft an die Wange gelegte Hand: Alles an diesem Akt rechnet mit der Wirkung, die sein Anblick auslösen soll.



Künstler:in (Tulln 1890 - 1918 Wien)
Date1910
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesBleistift, Pinsel, Aquarell mit proteinhaltigen Bindemitteln, Deckweiß, auf Packpapier
Dimensions56 × 32,5 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number30892
Signedr.u. "S.10."
Text

Während Schiele die Knaben ohne jegliche Erotisierung und sexuelle Konnotation dargestellt hat, sind seine Mädchenakte selten reine Präsentationen des Köpers. Außer dem Künstler selbst wird kein Knabe oder Mann beim Onanieren dargestellt. Weibliche Masturbation hingegen inszeniert Schiele auch bei sehr jungen Mädchen. Diese weiblichen Akte präsentieren sich und ihren erotischen Leib immer in Bezug auf den Betrachter. Das konkludente Einverständnis zwischen der Verführerin und dem männlichen Ziel der Verführung, zwischen der Autoerotik und dem Genuss bei der voyeuristischen Betrachtung dieser intimen Szenen macht die entsprechenden Werke Schieles bis heute so schwer beschreibbar: Gerät doch jede präzise Schilderung des Kunstwerks zu einer unterschwelligen Konfession. Auch wenn es aus der historischen Distanz schwer fällt, die Pathologisierung der Onanie zu verstehen – die dominierende medizinhygienische Vorstellung um 1900 hält Onanie für das Resultat und die Ursache geistiger Erkrankung – so ist dies doch der zeitgeschichtliche Hintergrund, vor dem Schieles Verstoß gegen die Konventionen der Darstellbarkeit des nackten Körpers betrachtet werden muss.

 

In Krumau beginnt Schiele systematisch, Kinderbildnisse zu zeichnen. Im Juni 1910 nach Wien zurückgekehrt, häufen sich Akte von Mädchen, unter denen einem schwarzhaarigen Schieles besondere Aufmerksamkeit gilt. Auch 1911 wird er auf dieses 13- oder 14-jährige Mädchen für die Darstellung jugendlicher Sexualität zurückgreifen. Als ob Schiele an der intentionalen Bestimmung des Körpers in der Darstellung „Schwarzhaariger Mädchenakt“ keinen Zweifel aufkommen lassen möchte, akzentuiert der Künstler die Lippen des Mädchens, seine Brustwarzen und Schamlippen leuchtend rot inmitten des grau-schwarzen Körpers. Der Blick auf den Betrachter scheint trotz des mädchenhaften Körpers um seine Macht der Verführung zu wissen. Die ausladende Hüfte, die sanft an die Wange gelegte Hand: Alles an diesem Akt rechnet mit der Wirkung, die sein Anblick auslösen soll.

 

Der angestrebten Ruhe des rechten Körperumrisses werden der abgewinkelte Ober- und Unterarm geopfert. Die formelle Unruhe trägt sich auf der linken Körperseite zu: im eng an den Körper angelegten Unterarm, der ein Eigenleben zu führen scheint, und in der ausladenden Hüfte.

 

Seit dem Spätsommer 1910 mischt Schiele den Farben Syndetikon bei, ein Bindemittel, das ihm allein durch die Pinselspur eine Fülle an Modulationen und Abstufungen innerhalb einer Farbe erlaubt.

 

Schieles Kunst besteht geradezu darin, den dezidiert erotischen Akt zur autonomen Kunst nobilitiert zu haben. Dennoch sollte der heutige Betrachter das erotische Motiv als solches nicht im Hinblick auf die Autonomie der ästhetischen Mittel beiseite schieben und damit verdrängen. Die entwicklungsgeschichtliche Leistung Schieles ist es, Form und Inhalt auch beim erotischen Akt gleichberechtigt nebeneinander gelten zu lassen: das sexuelle Motiv in seiner uneingeschränkten erotischen Wirkung sowie die ästhetische Gestalt, die Form und Komposition des Kunstwerks, die ihren eigenen Gesetzen folgt.

 

Schiele ist von den sexuellen Bedürfnissen, die seine als Erotika missverstandenen Zeichnungen gestillt haben, angewidert gewesen, wie seine Bemerkungen über einen entsprechenden Sammler belegen. Dennoch hat die billige Massenware der erotischen Fotografie, deren Produktion in die zigtausende Bilder gegangen ist und gewiss jedem Künstler bekannt war, im Kampf gegen die sexuell indifferente Gestaltung des nackten Körpers durch das antike Figurenideal wohl eine wichtige und heute weit unterschätzte Rolle gespielt.

 

Das eigentlich Obszöne besteht vielfach in der isolierenden Ostentation der Kinderleiber selbst. Diese Kinder, Knaben wie Mädchen, spielen nicht; Ihnen fehlt noch mehr als den Erwachsenen eine Umgebung, in der sie sie selbst sein können: fern den begehrlichen Blicken der Erwachsenen. #Arthur Roessler hat mit seiner Beschreibung der Schieleschen Kinderzeichnungen eine Interpretationsanleitung gegeben und betont, dass die wie immer auch peinliche sexuelle Realität Teil der künstlerischen Wahrheit dieser Werke ist: „Durch Monate war er damit beschäftigt, Proletarierkinder zu zeichnen und zu malen. Ihn faszinierten die Verwüstungen der schmutzigen Leiden, denen diese an sich Unschuldigen ausgesetzt sind.... staunend sah er auch die lichtscheuen grünen Augen hinter rot entzündeten Lidern, die verskrofelten Handknochen .... und – die Seele in diesen schlechten Gefäßen.“ (Roessler 1911, S. 114)

 

Der „Stehende schwarzhaarige Mädchenakt“ der Albertina verschränkt dialektisch schamhaftes Verhalten und Entblößung. Um sie zu züchtigen Menschen zu erziehen empfiehlt #Anna Fischer-Dückelmann 1904 in „Die Frau als Hausärztin“ aus pädagogischen Gründen, Kinder von der Reinigung ihres Geschlechts abzuhalten. Die „Berührung ihrer Geschlechtsteile... solle man den Mädchen und Knaben ... als etwas Verbotenes und Hässliches .....“ darstellen. „....onanierende Kinder sind Verirrte, .... oft leider schon sehr kranke Menschen.“ (Fischer-Dückelmann 1904, S. 783; vgl. auch Schröder 1995, S. 100 ff.)

 

Der Künstler hat – wie #Roessler in seinem in dieser Hinsicht vertrauenswürdigen Gefängnis-Tagebuch die Überzeugung Schieles überliefert – die Tatsache der frühkindlichen Sexualität nie verkannt: „Die Erwachsenen, haben sie vergessen, wie sehr sie selbst verdorben waren, das heißt, vom Geschlecht angezogen und erregt, als sie Kinder waren.“ (zit. nach Palmier 1985, S. 141)

 

Klaus Albrecht Schröder (Autor und Hg.), Egon Schiele (Kat. Ausst., Albertina, Wien 2005/2006), München, Berlin, London, New York 2005, S. 118-124.

Catalogue raisonné
  • Kallir Drawings 1990/1998, 575
  • Bibliography
  • Benesch 1958, nach S. 24
  • Mitsch 1961, S. 23 (1969, Abb. 9)
  • Freiberg 1967, gegenüber S. 160
  • AK Albertina 1968, Nr. 150, Abb.
  • Mizue 1969, S. 5
  • Leopold 1972, Tafel 62
  • Borowitz 1974, S. 223
  • Vergo 1975, Abb. 188
  • AK München 1975, Nr. 114, Abb.
  • Nebehay 1977, S. 20
  • Wilson 1980, Tafel 50
  • Whitford 1981, Abb. 63
  • Malafarina 1982, Nr. 52
  • AK Albertina 1990, Nr. 57, Abb.
  • Steiner 1991, S. 40
  • Fischer 1994, S. 81
  • AK Washington u.a. 1994, Tafel 9
  • Schröder 1995, S. 95
  • AK Mailand 2000, S. 69, Abb.
  • AK Zug 2001/02, ohne Nr.
  • Kallir 2003, S. 131
  • AK Albertina 2003/04 a, Nr. 92, Abb.
  • AK Amsterdam 2005, S. 67, Abb.
  • Klaus Albrecht Schröder (Autor und Hg.), Egon Schiele (Kat. Ausst., Albertina, Wien 2005/2006), München, Berlin, London, New York 2005, Nr. 49
  • Klaus Albrecht Schröder, in: Museo Guggenheim Bilbao (Hg.), Egon Schiele. Obras del Albertina Museum, Viena, (Kat. Ausst., Museo Guggenheim Bilbao, Bilbao 2012/2013), Bilbao 2012, S. 60-61 (in spanischer Sprache)
  • Albertina: Schiele bis Giaccometti , hrsg. von Klaus Albrecht Schröder, Bad Vöslau: Grasl Druck & Neue Medien 2003, Abb.26
  • Christian Bauer/Bernadette Reinhold (Hg.), Egon Schiele und Oskar Kokoschka. Netzwerker und Rivalen (Ausst.-Kat. Kokoschka Museum Pöchlarn 2026/Egon Schiele Museum Tulln 2026), München 2026, S. 51 (Abb. 22)
  • Provenance
  • um 1948 Ernst Bachstez (1888-1954), Wien
  • 1949 erworben bei der Neuen Galerie, Wien

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    Last edited01.07.2026