Albrecht Dürer, Die Heilige Familie mit der Libelle, Inv. Nr.: DG1930/1494
Die Heilige Familie mit der Libelle
Albrecht Dürer, Die Heilige Familie mit der Libelle, Inv. Nr.: DG1930/1494
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Die Heilige Familie mit der Libelle

Albrecht Dürer

um 1495




Das Thema der Heiligen Familie in der Landschaft entwickelte sich aus der Verbindung zweier Darstellungstraditionen: dem Thema der Ruhe auf der Flucht nach Ägypten einerseits und dem aus dem Hohelied des Alten Testaments entstandenen Topos des Hortus conclusus andererseits, der die Jungfräulichkeit Mariens durch das Bild eines verschlossenen Gartens veranschaulicht. Auch andere Motive der Darstellung, etwa die namensgebende Libelle, können als symbolische Hinweise auf Marias Reinheit gedeutet werden. Dürers Blatt – der erste Kupferstich, den er mit seinem Monogramm versah – beeindruckt durch die überzeugende Wiedergabe von Raum und Atmosphäre, aber auch durch naturalistische, lebensnahe Details wie den schlafenden Joseph.



The iconography of the Holy Family in a landscape developed from the combination of two pictorial traditions: the subject of the rest on the flight into Egypt on the one hand, and the topos of the hortus conclusus on the other. The latter derives from the Old Testament Song of Songs and associates Mary’s virginity with the image of an enclosed garden. Other motifs such as the titular dragonfly, for example, can also be interpreted as symbolic references to Mary’s purity. Dürer’s print—the first engraving he signed with his monogram—is not only striking on account of the convincing rendering of space and atmosphere but also because of such true-to-life naturalistic details as the sleeping Joseph.



Künstler:in (Nürnberg 1471 - 1528 Nürnberg)
Dateum 1495
Object TypeDruckgraphik
Object typePrint
Materials / TechniquesKupferstich; Blatt ist bis zur Darstellung beschnitten
DimensionsBlatt: 23,7 × 18,7 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object numberDG1930/1494
SignedM.u. Dürer-Monogramm "AD"
Text

Im Zentrum des großformatigen Andachtsbildes, das seinen Beinamen dem kleinen Insekt am rechten unteren Bildrand verdankt, sitzt auf einer von derben Bohlen gehaltenen Rasenbank die junge Muttergottes. Liebevoll und ernsthaft zugleich fixiert sie innig den sich fröhlich bewegenden Jesusknaben in ihrem Arm, der ihren Blick erwidert. Der greise Joseph ist eingenickt. Lediglich die segnende Dreifaltigkeit am Himmel über Mutter und Kind gibt der Familienidylle etwas feierlich-hieratisches.
Verschiedene mariologisch deutbare Details sind in die Komposition eingewoben. So beschließen das verschlossene hölzerne Tor und die getreppte Mauer im Mittelgrund die Szene im Sinne des "Hortus conclusus" und stehen metaphorisch für die Jungfräulichkeit Mariens. Auch die volkstümliche Bezeichnung der Libelle als "Wasserjungfer" zielt in diese Richtung. Garten, Schiff, Meer, Turm und Dornbusch im Hintergrund wurden entsprechend interpretiert.
Den Typus der Maria hat Dürer in Anlehnung an die frühe Erlanger Zeichnung aus der Zeit von 1491/92 (Erlangen, Graphische Sammlung der Universität, Inv. B 155; W 25) gestaltet. Die Idee des an der Rasenbank lagernden Joseph ist in der Berliner Zeichnung (Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett, Inv. KdZ 4174; W 30) vorgebildet. Der Nährvater ist zwar auch hier untergeordnet positioniert, doch wird ihm gemäß aktueller theologischer Diskussion eine Rolle im Heilsplan zugebilligt: Der Reisehut in seiner Hand spielt auf die göttliche Weissagung zur Flucht nach Ägypten an, die Joseph im Schlaf erhielt.
Der Kupferstich ist der erste Stich, der das Dürer'sche Monogramm - noch in gotisierenden Buchstaben - trägt. Er wird zu den Hauptstücken des vielfältigen ersten Sortiments gehört haben, das der junge Dürer nach seiner ersten Italienreise 1494/95 aufbaute. In Format und Funktion trat die schwarz-weiße, aber preisgünstigere, weil reproduzierbare Druckgraphik mit gemalten kleinen Andachtsbildern in Konkurrenz und wird ein vornehmlich bürgerliches Publikum angesprochen haben.
Die für ihn neue Technik des Kupferstiches wird der junge Dürer von der Federzeichnung oder Kaltnadel abgeleitet haben. Die noch etwas ungelenk wirkende Strichführung der tiefgestochenen Linien der Kupferplatte führte zu einem rau wirkenden, uneinheitlichem Oberflächenbild, wie Wölfflin und Friedländer kritisierten, dies ermöglichte aber noch brauchbare Ergebnisse auch bei höheren Auflagen. Dies belegt auch das Exemplar der Albertina. Obwohl das Blatt als Wasserzeichen das um 1500 gängige "gotische p" zeigt und demnach etwa fünf Jahre nach Erscheinen der ersten Drucke von der Kupferplatte abgezogen wurde, gibt das Druckbild die Komposition durchaus noch gut, wenn auch nicht brillant und mit Grat wieder.

Albrecht Dürer, Ausstellungskatalog, hg. von K. A. Schröder und M. L. Sternath, Albertina, Wien 2003, Abb. 28, S. 175.

Catalogue raisonné
  • Bartsch VII.62.44
  • Meder 42d
  • Schoch I.2
  • Bibliography
  • AK Albertina 2003, Nr. 28 (A. Scherbaum)
  • Beate Böckem, Jacopo de' Barbari, Köln u.a. 2016, S. 117, Abb. 44 (im Verhältnis zum Werk De' Barbaris)
  • AK Albrecht Dürer, Albertina, Wien 2019, S. 448, Kat. 23
  • Provenance
  • Albertina, Altbestand
  • Online resources
    zum Catalogue raisonné

    IIIF Logo IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/100340/die-heilige-familie-mit-der-libelleImage Request
    Last edited29.03.2023